Bauhaus-Universität Weimar

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Begriff des ästhetischen Gefühls. 
ihres seltneren Gebrauchs und dadurch bedingter grösserer 
Gefühlswärme dem Gemeingefühl näher stehen geblieben sind. 
Diesem Unterschiede der höheren und niederen Empfindungs¬ 
formen, den ich an anderer Stelle (Grundl. eines Systems der 
Aesthetik S. 170 ff.) als den der Vertretbarkeit und 
Specialität bezeichnet habe, und der für die Aesthetik 
ebenso wie für die theoretische Erkenntniss von hoher Wichtig¬ 
keit ist, wird uns weiterhin bei den höheren Gefühlskomplexen 
noch öfter begegnen. 
7. Aesthetische Gefühle. 
Was wir unter ästhetischen Gefühlen verstehen, hat auf 
S. 63 nur angedeutet werden können. Zwei Missverständnisse 
sind hier abzuwehren. Nicht hierher gehören: 1) Die 
Phantasie-Gefühle, d. h. diejenigen Gefühle, welche 
durch eine Phantasie-Vorstellung hervorgerufen werden und 
also in einer mehr oder weniger modificirten Wiederholung 
irgend eines Gefühls bestehen. Wie hier der Gegensatz zum 
Sinnlichen nicht dazu verleiten darf, jedes vorgestellte Gefühl 
unsrer Klasse einzuverleiben, eben so wenig dürfen wir uns 
durch den Namen „ästhetische Gefühle“ bestimmen 
lassen, darunter alle diejenigen Gefühle, mit denen es die 
Aesthetik zu tliun hat, begreifen zu wollen. Die Aesthetik 
als Lehre vom Schönen in Kunst und Natur hat es nach 
ihrer materiellen Seite hin mit allen Gefühlen, welche die 
menschliche Brust beherbergt, zu thun. Und wTenn wir alle 
diejenigen Gefühle, welche durch die Betrachtung eines Kunst¬ 
werks oder eines Naturanblicks in uns erweckt werden, zu 
den ästhetischen rechnen wollten, so wäre das nicht anders, 
als wenn wir alle vorgestellten Gefühle hierher rechneten. Je 
nachdem, was das Kunstwerk darstellt, je nach dem Charakter,, 
welcher in einer Landschaft sich ausprägt, erweckt das Eine 
und die Andere die allerheterogensten Gefühle, Freude und 
Trauer, Mitleid, Furcht, Heiterkeit, Wehmuth u. s. w. Wir 
müssten zum Mindesten die ganze Materie des Dargestellten
        

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