Bauhaus-Universität Weimar

Feinheit des Temperatur-Sinnes. 
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von verschiedener Höhe, obwohl in letzterem Falle die Qualitäten durch 
das objektive Merkmal der Schwingungsfrequenz scharf abgegrenzt ist, 
was bei unseren Temperaturauffassungen, die sich nach der jeweiligen 
Eigentemperatur des empfindenden Gliedes richten, nicht der Fall ist. 
Im Uebrigen ist zu bemerken, dass der Temperatur-Sinn ungleich 
feiner ist, als der Druck-Sinn. Wir empfinden unter günstigen Um¬ 
ständen schon Temperatur-Differenzen von TV Grad R. als merklich und 
selbst noch darunter, d. h. diejenige Temperatur-Differenz, welche noch 
ein gutes Quecksilberthermometer angiebt. Die grösste Unterschieds¬ 
empfindlichkeit zeigt sich bei Temperaturen zwischen 16 und 18 Grad R. 
Man vergleiche die von Fechner Eiern, d. Psychophys. S. 203 und 207 
gegebenen Tabellen. Höhere Wärmegrade von etwa 22 Grad R. an 
werden wieder weniger fein unterschieden, von 30 Grad R. ab werden 
nur noch T6^ Grad R. Unterschied merklich. Nach rückwärts, d. h. von 
15 Grad abwärts, wächst die Unterschiedsschwelle noch beträchtlicher. 
Schon bei 9 Grad ist eine Temperatur-Differenz von ^ Grad erforderlich, 
um bemerkt zu werden, bei 7 Grad schon 1£ Grad, bei 5J Grad schon 
von 2 Grad u. s. w. Es ist freilich misslich, diese Zahlen mit den beim 
Druck - Sinn erhaltenen zu vergleichen, weil es für die Temperatur an 
einem Schwellenwerth fehlt. Wollte man mit Wundt (Grundz. S. 290) 
den obigen Werth der kleinsten noch empfundenen Temperatur-Differenz 
als Schwellenwerth betrachten, so würde es wieder an der Unterschieds¬ 
schwelle fehlen. Mir scheint es richtiger, die empfundene Temperatur- 
Differenz als Unterschiedsschwelle aufzufassen, wonach wir also in den 
günstigeren Fällen Unterschiede, die kleiner sind als der empfundenen 
Temperatur, wahrnehmen, während wir Druckunterschiede nicht feiner 
als -J bemerken. Danach würde der Temperatur - Sinn an Feinheit der 
Lichtempfindung des Auges nahekommen. 
Der Temperatur - Sinn beschränkt sich, wie angedeutet, 
nicht bloss auf die verschiedenen Bezirke der Oberhaut, er 
ist auch zugleich ein General-Sinn, d. h. wir empfinden die 
Temperatur des uns umgebenden Raumes. Wie es scheint, ist 
diese Art der Temperaturempfindung noch nicht zum Gegen¬ 
stände exakter Beobachtungen gemacht, wenigstens habe ich 
keine Angaben über die Feinheit der Unterscheidung derselben 
gefunden. Jedoch ist er, wenn ich meinen, freilich nicht 
methodisch kontrolirten, Erfahrungen Glauben schenken darf, 
viel weniger fein, als der Temperatursinn der Haut. Es ist 
bereits an einer früheren Stelle dieses Buches (II. 1. S. 147) 
erwähnt worden, dass diese allgemeine Temperatur-Empfindung
        

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