Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Gefühle und ihre Verhältnisse zu den Empfindungen
Person:
von Frey, Max
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39713/19/
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Annahme, dass es sich um die Heizung besonderer Lustorgane 
handelt, für unnötig und jedenfalls erst eines Beweises bedürftig. 
Es ist eine dem Physiologen geläufige Thatsache, dass durch Aus¬ 
dehnung des Reizes auf grosse Sinnesflächen und auf eine Anzahl 
verschiedenartiger Elementar organe der Charakter der resultirenden 
Empfindung sich ändert und ganz neue Qualitäten aufzutreten 
scheinen. So entsteht aus den Farben das Weiss, aus einer Summe 
von Tönen das Geräusch, aus einer Summe von Tast-, Geschmack- 
und Schmerzempfindungen der herbe, der laugenhafte, der metal¬ 
lische Geschmack. Bekannt ist ferner die Kombination von Ge¬ 
schmacks-und Geruchsempfindungen. In ähnlicher Weise dürften sich 
die Gefühle des Juckens und Kitzelns in eine Summe verschieden¬ 
artiger Empfindungen auflösen lassen. Treten dann zu dem physio¬ 
logisch schon verwickelten Vorgang noch eine Fülle von Associationen 
hinzu, so können wohl höchst eigentümliche und intensive Gefühls¬ 
zustände sich ausbilden, ohne dass man gezwungen ist, die Reizung 
specifischer Lustnerven anzunehmen. 
Dieselbe Bedeutung, welche im Gebiet der sinnlichen Gefühle 
das körperliche Wohlbefinden, die Schmerzfreiheit besitzt, beansprucht 
in dem Bereiche der höheren oder associirten Gefühle die Be¬ 
hauptung und Förderung des erweiterten Ichs. Diese Beziehung 
ist seit langer Zeit erkannt und in der verschiedensten Weise aus¬ 
gedrückt worden. Entsprechend den zahllosen Umgestaltungen und 
Zusammengliederungen, deren der Ich-Begriff fähig ist, giebt es 
eine unübersehbare Zahl verschiedenartiger Gefühlskategorien. So 
entsprechen den aus dem Zusammenschluss einer Mehrzahl von In¬ 
dividuen gebildeten höheren Ich-Begriffen der Familie, des Stammes, 
des Staates, der Kation etc. besondere Gefühlskategorien, deren 
Auslösung man als Ausfluss eines socialen, moralischen oder poli¬ 
tischen Gewissens zu befrachten pflegt. 
Schwieriger zu erklären und einer genauen Untersuchung wert 
scheinen mir die ästhetischen Gefühle zu sein. Ich spreche hier nicht 
von denjenigen unter ihnen, welche nachweislich auf Associationen 
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