Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Gefühle und ihre Verhältnisse zu den Empfindungen
Person:
von Frey, Max
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39713/16/
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Der Beweis, dass die associirten oder, wie man sie gewöhnlich 
nennt, höheren Gefühle in dem sinnlichen des Schmerzes ihre 
Wurzel haben, liegt in der allmählichen Entwicklung des Gefühls¬ 
lebens beim Kinde. Ursprünglich nur auf das Nahrungsbedürfnis, 
das körperliche Wohlbehagen gerichtet, wird es später auf Personen 
ausgedehnt, welche dasselbe fördern, endlich auf die Kleidung, die 
Spielsachen u. s. w. Entscheidend für diese Auffassung ist ferner 
die Übereinstimmung der äusseren Symptome der Unlust beim 
Kinde wie beim Erwachsenen mit denen des Schmerzes. Die 
mildeste Form andauernden Unlustgefühls, die sog. schlechte 
Stimmung, kann ebensogut durch körperliches Unwohlsein wie durch 
psychische Eindrücke hervorgerufen werden. Kummer, Sorge, Trauer 
haben mit körperlichen Schmerzen, speziell mit den dumpfen, 
bohrenden, herumziehenden gemein den Verlust der Elasticität des 
Geistes und Körpers. Der seelisch Leidende ist wie der körperlich 
Leidende willenlos, unfähig zu anstrengender Muskelarbeit. Die 
Verdauung liegt darnieder, der Schlaf ist unruhig, die Atmung 
flach, die Herzthätigkeit herabgesetzt, die Gewebe in Folge unge¬ 
nügender Füllung mit Lymphe schlaff, der Gesichtsausdruck ent¬ 
stellt, gealtert. Zuweilen steigert sich der Schmerz zu Paroxysmen 
mit asthmatischen Beschwerden, seufzender Atmung, unregelmässiger 
Herzthätigkeit und raschen Schwankungen des Blutdrucks. Die 
Thränendrüse secernirt reichlich, als ob eine Verletzung des Auges 
stattgefunden hätte. 
Ich habe schon auf den Irrtum hingewiesen, welcher diese Be¬ 
wegungen als Ursachen der Gefühle auffasst. Es ist zwar richtig, 
dass die Ausdrucksbewegungen, welche die Gemütsstimmungen be¬ 
gleiten, ihrerseits wieder wahrgenommen werden und den psychischen 
Zustand beeinflussen können. So wird ein Errötender, der die 
Hitze in den Wangen aufsteigen fühlt, in seiner Verlegenheit be¬ 
stärkt, weil er nun weiss, dass sein Gemütszustand jedermann offen¬ 
kundig ist. Im Allgemeinen dürften jedoch diese secundären Mo¬ 
difikationen keine wesentliche Bolle spielen.
        

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