Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Gefühle und ihre Verhältnisse zu den Empfindungen
Person:
von Frey, Max
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39713/15/
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einfachste Form des Unlustgefühls erkannt ist, wird die Frage 
lauten müssen: Giebt es reinen, d. h. durch andere Sinnesempfin¬ 
dungen, durch psychische Vorgänge verschiedener Art nicht merk¬ 
lich beeinflussten Schmerz? Ohne Zweifel, man könnte sagen leider, 
ja! Was ein richtiger Schmerz ist, der lässt sich gar nicht beein¬ 
flussen; er hat eine geradezu souveräne Verachtung für alles was 
ausser ihm existiert, er verdrängt mit kräftigen Ellenbogen alle Kon¬ 
kurrenten aus dem Bewusstsein. 
Wenden wir uns nun zu den höheren, d. h. verwickelteren 
Gefühlszuständen. 
Der Schmerz kann, wie jede Sinnesempfindung, nicht nur un¬ 
mittelbar gefühlt, er kann auch durch associative Thätigkeit repro- 
duciert werden, am leichtesten durch Vorstellungen, mit welchen er 
häufig oder in besonders kräftiger Weise verbunden war. An das 
Bild der Nadel heftet sich die Erinnerung des Stiches. Der Anblick 
scharf geschliffener Instrumente bereitet vielen Menschen Unbehagen, 
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weil die Vorstellung der Wunde samt dem zugehörigen Unlustgefühl 
reproduciert wird. 
Von allen Vorstellungscomplexen ist nun der das „Ich“ bei weitem 
der festeste. Mach1) vergleicht den Bewusstseinsinhalt mit einer 
zähen Masse, welche an gewissen Stellen, dem Ich, stärker zu¬ 
sammenhängt. In unserem Vorstellungsleben kann kaum irgend 
etwas vor sich gehen, welches nicht diesen Complex in Mitleiden¬ 
schaft zieht. Am besten beobachtet man dies beim Kinde, dessen 
Egoismus sprichwörtlich ist. Eine Verkleinerung des Ich-Complexes 
kann nur unter Schmerzen geschehen und so knüpft sich später, 
wenn der Ich-Begriff über die Grenzen des Leibes erweitert und 
auf materiellen wie geistigen Besitz ausgedehnt ist, an jede diesen 
Besitz bedrohende Vorstellung die Reproduktion des körperlichen 
Schmerzes, das Unlustgefühl. 
*) E. Mach, Beitrag zur Analyse der Empfindungen. Jena, Fischer, 1886. 
S, 12 Anmerkung.
        

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