Bauhaus-Universität Weimar

ÜBER MUSIKALISCHE EINKÜHLUNG. 
15 
lässt sich diese ihre Eigenart und Wirkung erkennen. Die see¬ 
lische Stimmung eines Liedes, der "Wesensgehalt eines' drama¬ 
tischen Vorgangs ohne Melodie und musikalische Begleitung will 
immer erst aus dem geistigen (diskursiven) Zusammenschauen des 
Sinnes der Worte und ihrer Verbindung für das Gefühl erworben 
und gewonnen werden. Vermittelst der Komposition aber wird 
sie gleich von Anfang an in Melodie und Harmonie für die ge- 
fühlsmässige Anschauung durchsichtig und direkt ansprechend 
gemacht. Hiermit hängt es auch zusammen, dass eine bestimmte 
Art von Programmmusik uns in der Regel nicht allzu lange 
behagen will, diejenige nämlich, die uns zumutet, den bestimmten 
Sinn einer Instumentalmusik ohne begleitenden Gesang aus einem 
gedruckten Text zu entnehmen und in die Symphonie des Or¬ 
chesters hineinzuhören. Der Gegensatz, auf dessen Aufhebung 
es uns beim Musikgenuss von vornherein ankommt, nämlich der 
von Erscheinung und Wesen, ist mit jenem Verfahren eben wieder 
eingeführt: wir sollen den Gedanken (also das Wesentliche) und 
seinen Ausdruck (die Erscheinung) in den Tönen, dies beides 
nicht gleich in eins gefasst und geflossen erhalten, sondern es 
uni erst selbst zusammendenken, also das was der Komponist 
uns hätte entgegenbringen müssen, die Einheit jener beiden 
Seiten, müssen wir durch ein beständig nebenhergehendes Ver¬ 
gleichen selbst erst hersteilen. Eine solche Vergleichung kann auf 
viel Sinniges und aus diesem Grunde Ansprechendes treffen; auf 
die Dauer aber verlangen wir doch wieder nach „absoluter“ Musik. 
Man kann den hier besprochenen Gegensatz von Erscheinung 
und Wesen im ästhetischen Sinne auch dahin verstehen, dass im 
Kunstwerk ein einzelnes Sinnliches als Erscheinung das gat- 
tungsmässige Wesen des Erfahrungsbereichs, welchem es an¬ 
gehört, zur geistig-anschaulichen Erfassung bringt. Dabei muss 
man aber, um der künstlerischen Leistung wirklich gerecht zu 
werden, sich den Unterschied von Gattungsbegriff und Gattungs¬ 
ideal gegenwärtig halten. Die künstlerische Produktion sucht das 
Allgemeine im Sinne des Gattungsideals herauszugestalten und 
stellt infolgedessen manche Merkmale, die vielleicht dem Gattungsbe¬ 
griff im logischen Sinne besser entsprechen würden, zurück zugunsten 
anderer, die den Eindruck vom Wer te des gattungsmässigen Wesens 
zu erhöhen geeignet sind.1) Dieser Weg vom Gattungsbegriff 
*) Beispiele bei Groos, Der ästhetische Genuss (Giessen 1902) S. 165 t.).
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.