Bauhaus-Universität Weimar

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Hubert Roetteken. 
dings sehr günstige Bedingungen, Bewegung und Farbenkontrast mit 
dem Hintergründe bietet.*) Dem Helden, welcher zum Besuche auf 
einem Gute ist, erzählt der Gutsherr, seine Rehe hätten so wenig 
Scheu vor seiner Frau, dafs sie sich von ihr streicheln liefsen: — 
„Hs war wie eine sonderbare körperliche Vision, dafs Allenstein bei 
den letzten Worten aus dem Halblicht unter den Bäumen hervor eine 
schmale, weifse, langfingerige Hand über den braunen Untergrund 
eines Rehhalses hin und her gleiten zu sehen glaubte“. Ich wüfste 
keine Dichterstelle, die mir mit gröfserer Sicherheit und Deutlichkeit 
ein Bild gäbe, als diese. Wenn nun nachher erzählt würde, dafs die 
Dame wirklich ein Reh gestreichelt hätte, wäre es denkbar, dafs wir 
davon eine noch klarere Anschauung bekämen, als die Schilderung 
der Vision oder des Phantasiebildes sie uns gab? 
Viehoffs Gradation kann man also wohl streichen. Dagegen 
ist in der ersten der beiden von ihm angeführten Stellen aus Hermann 
und Dorothea der Ansatz zu einem anderen wichtigen Mittel ge¬ 
macht: ich meine die Wiederholung. In der Beschreibung Dorotheas 
sind der Einzelheiten zu viele, als dafs sie uns auch nach zweimaligem 
Lesen alle im Gedächtnis bleiben könnten; wenn aber einige wenige 
Details uns bei jeder Gelegenheit immer wieder eingeschärft werden, 
so verwachsen sie schliefslich mit der Person und sind da, sowie nur 
der Name vorkommt. Spielhagen fuhrt gelegentlich **) als solche De¬ 
tails an: Haare, die fortwährend bürstenförmig zu Berge stehen — 
und die sich die Betreffenden womöglich noch bei jeder Gelegenheit 
mit den Händen in die Höhe sträuben, wie Traddles im Copperfield 
— einen engen Wachshut, der ihnen ein für allemal einen roten 
Streifen um die Stirn gezogen und ähnliches. Werden solche Dinge 
oft genug gesagt, so führt endlich die Gestalt mit ihren besonderen 
Kennzeichen in der Phantasie des Lesers eine selbständige Existenz, 
das Bild braucht nicht erst durch eine Beschreibung hervorgerufen zu 
werden und dadurch entsteht der Schein einer besonders grofsen An¬ 
schaulichkeit — in Wahrheit sieht man den roten Streifen beim 
zwanzigsten Male wohl nicht deutlicher, als beim ersten Male. Diese 
Wiederholung hat ihre Bedeutung auch in solchen Fällen, wo mehr 
Einzelheiten gegeben werden, als wir in einem gleichzeitigen Phantasie¬ 
bilde zusammenfassen können; wir lernen sie allmählich auswendig 
*) Metamorphosen. Breslau und Leipzig 1883. S, 115. 
**) Beiträge zur Theorie und Technik des Romans, Leipzig 1883. S. 29.
        

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