Bauhaus-Universität Weimar

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THEODOR A. MEYER. 
schiedenartiger Gefühle, die wir »billigen« sowie überall da, wo starke 
Anteilgefühle sich regen. Wenn also das Unterbleiben des Einfühlens 
an solchen Stellen nicht hindert, daß uns der Seelenzustand der dar¬ 
gestellten Gestalten mit nachdrücklichster Kraft gegenwärtig wird, so 
wird der Schluß berechtigt sein, daß wir überall auch sonst ohne Ein¬ 
fühlen zu einem lebhaften ästhetisch vollen Erfassen des Seelischen 
gelangen können. 
Geht also die Einfühlungstheorie nach der einen Seite viel zu weit, 
wenn sie das Einfühlen zur Bedingung der vollen Auffassung des 
seelischen Gehalts macht, so bleibt sie anderseits weit hinter ihrer 
Aufgabe zurück. Die Einfühlungstheorie geht von der naiven An¬ 
nahme aus, als sei das Innere, das sich uns in der Erscheinung 
enthüllt, ausnahmslos Gefühl oder als lasse es sich in letzter Hinsicht 
auf das Gefühl zurückführen. Einfühlen besagt ja nichts anderes, als 
daß wir das durch die Erscheinung in uns geweckte Gefühl in die 
Erscheinung als das ihr eigene Leben zurückverlegen. Wie, wenn es 
sich zeigen ließe, daß das Innere, das wir in der Erscheinung als ihre 
Seele finden, gar häufig mit Gefühl nichts zu tun hat? Dann wäre 
klar, daß wir uns das Innere des ästhetischen Gegenstands in all den 
zahlreichen Fällen, in denen es nicht gefühliger Natur ist, auch nicht 
durch Einfühlen aneignen könnten. 
Gewiß hat das Gefühl eine unermeßliche Bedeutung und eine be¬ 
herrschende Stellung im Lebensprozeß. Das Wollen ist aufs engste 
mit dem Fühlen verknüpft, nur durch das Gefühl wird unser Wille in 
Bewegung gesetzt, und auch das Vorstellen, das seinem Wesen nach 
die objektive Seite unseres Bewußtseins vertritt, ist häufig durch Ge¬ 
fühle veranlaßt, ist immer von Gefühlen begleitet und mündet immer 
in Gefühle aus. Diese zentrale Stellung des Gefühls im Lebensprozeß 
macht die Voraussetzungen der Einfühlungstheorie verständlich, wenn 
sie auch keineswegs ihre Berechtigung erweist. Denn das Gefühl ist 
nicht das einzige, was uns der ästhetische Gegenstand an seelischem 
Leben zu enthüllen vermag; es macht trotz der unermeßlichen Be¬ 
deutung, die es fürs Leben hat, doch nur die eine Hälfte dessen aus, 
was sich an Seelischem im Schönen erschließt. Mit Recht weist Volkelt 
(Ästhetik I, 170 f.) auf die zahlreichen gefühlskahlen Stellen hin, die 
sich in der Poesie finden, aber er täuscht sich, wenn er hinzufügt 
(I, 170), daß es »außerhalb der Dichtung zu gefühlsbaren Vorstellungen 
nur in dem Fall kommen kann, daß der Künstler ein mittelmäßiges 
oder schlechtes Werk geliefert hat«. Gefühlsarme Stellen sind nicht 
bloß in der Dichtung vorhanden, sondern vor allem auch in der 
bildenden Kunst. Es gibt in der Malerei eine ganze Gattung, in der 
man nur ausnahmsweise Gefühlen begegnet, die Porträtmalerei, und
        

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