Bauhaus-Universität Weimar

KRITIK DER EINFÜHLUNGSTHEORIE 
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wird hinaustreiben lassen. Die vollständige Einfühlung ist ein Aus¬ 
nahmezustand, und es ist gut, daß er nur in ästhetischen Feierstunden 
eintritt. Er steht an der Grenze des Ästhetischen. Das eigentliche 
Kennzeichen des ästhetischen Zustands ist die Freiheit. Man verfällt 
keiner der im Kunstwerk dargestellten oder durch es erregten Stim¬ 
mungen ausschließlich, sondern wahrt sich die Fähigkeit von einer 
zur anderen weiterzugehen. Es stört nicht, von einer rührenden Szene 
zu einer komischen, von einer schmerzlichen zu einer heiteren fort¬ 
geführt zu werden. Die vollständige Einfühlung dagegen ist ein Aus¬ 
druck höchster Ergriffenheit, in der die Seele ganz im Bann der Stim¬ 
mungen ist, die ihr aus dem Kunstwerk entgegentreten; beherrscht 
von der Obergewalt der Gefühle verliert sie ihre Freiheit. Es wider¬ 
steht ihr herunterzusteigen von der seligen Höhe ihrer Wonnen, sie 
ist viel zu sehr berauscht von der augenblicklichen Stimmung, als daß 
sie sie ohne weiteres ablegen und gegen eine andere gleichgültigere 
vertauschen könnte. Wer mit Isolde die Seligkeit über weltlicher Ver¬ 
einigung durchgekostet hat, der steht am Ende seiner ästhetischen 
Aufnahmefähigkeit. Er mag sich durch nichts die Feiertagsstimmung 
zerstören lassen. Die Alten hatten Freiheit genug, nach dreimaliger 
tragischer Erschütterung die Scherze und Derbheiten eines Satyrspiels 
über sich ergehen zu lassen. Auf Tristan und Isolde oder auf Parsifal 
ein Satyrdrama — kann man sich etwas Entsetzlicheres denken? 
Wagner ist wie kein anderer im Besitz des Zauberbanns, der zum 
vollen Aufgehen der Seele im Kunstwerk zwingt, und dieser Zauber 
ist gerade in den Schlußszenen der beiden Werke so mächtig, daß 
alle ästhetische Freiheit dahin ist. Die vollständige Einfühlung ist 
daher ein ästhetisches Höhen- und Grenzerlebnis, das seiner Natur 
nach nur selten erblüht und das bei öfterem Eintreten sich selber zer¬ 
stören müßte. Es heißt ebenso das Wesen des Einfühlens, wie über¬ 
haupt die Natur des Ästhetischen und des Schönen verkennen, wenn 
man das Einfühlen zur normalen Form des ästhetischen Erlebens 
machen will.
        

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