Bauhaus-Universität Weimar

562 
THEODOR A. MEYER. 
feierlicher Erhabenheit oder tiefem Schmerz zuströmt. Die ästhetische 
Freude, die man an einer Tragödie erlebt, hat einen Zusatz von 
schmerzvoller Gehobenheit oder von hochgestimmter Rührung, der 
Humor schwingt sich über die Ungereimtheiten des Lebens unter be¬ 
freiendem oder gerührtem Lächeln empor, die Idylle strömt sanften 
Frieden und behagliches Seinsgefühl aus. Am Melancholischen blüht 
die Freude am Schönen auf schmerzlichem Untergrund auf. Am 
Lustigen wird sie lustig und leichtbeschwingt. Es ist unmöglich, der 
Fülle der möglichen Nuancen dieser Lust in Worten gerecht zu werden. 
Wie die ästhetische Freude am Schönen eine reale Lust ist, so sind 
es naturgemäß auch diese Begleitgefühle, wenn sie auch gemäß ihrer 
Entstehung an einem scheinhaften Gebilde der modifikatorischen Kraft 
entbehren. Sie stellen sich auch schon beim einzelnen Zug ein, so¬ 
weit wir ihn für sich ästhetisch werten — wie oben gesagt, wirken 
viele Einzelzüge ästhetisch nicht für sich, sondern nur im Zusammen¬ 
hang mit einer Gruppe von anderen; aber naturgemäß werden die 
Begleitgefühle sich am einzelnen für sich ästhetisch wirksamen Zug 
gewöhnlich nur ganz schwach, ja häufig fast unmerklich regen; zu 
größerer Stärke wachsen sie in der Regel nur gegenüber den Gesamt¬ 
eindrücken an, die von einzelnen kräftigeren Gliedern oder vom Ganzen 
ausgehen. Wie stark sie werden können, zeigen die Tränen, die der 
Gerührte vergießt, das schallende Gelächter, in das der Erheiterte aus¬ 
bricht, und die machtvolle Gehobenheit und Erschütterung, in der die 
Tragödie endet. 
Doch würde man irren, wenn man glauben würde, dieser Ein¬ 
schlag der die ästhetische Lust modifizierenden Gefühle stamme aus¬ 
nahmslos aus dem Mitfühlen. Im Gegenteil ist er häufig rein reaktiven 
Ursprungs. Das geschilderte Gefühlsleben steht vielfach in Zusammen¬ 
hängen, die reaktive Gefühle im Beschauer auslösen, durch die, wie 
wir sahen, den sympathischen Gefühlen der Raum entzogen wird, und 
die Nuance der ästhetischen Freude, die an einem nicht gefühlsmäßigen 
Gehalt entsteht, kann ohnedem immer nur reaktiven Charakter tragen. 
Wohl setzt uns bisweilen einmal ein selbst Gerührter in Rührung, 
aber viel häufiger ist die Gestalt, die unsere Rührung erregt, selbst 
ohne jede Rührung; der Komische, der unsere Lustigkeit und unser 
Lachen hervorlockt, ist meist selbst ohne Lustigkeit und Lachen. Der 
Erhabene staunt für gewöhnlich nicht über seine Erhabenheit. Und 
wie oft sind Rührung, lustiges Lachen und Staunen Begleitgefühle der 
Freude am Schönen? Aber auch wo wir ganz wohl auf dem Weg 
des Mit- und Nachfühlens zu solchen Begleitgefühlen gelangt sein 
könnten, geschieht es häufig nicht so, sondern auch da können die 
Nuancierungsgefühle deutlich als Reaktionsgefühle gekennzeichnet sein.
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.