Bauhaus-Universität Weimar

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THEODOR A. MEYER. 
gestellt. Sie verwenden dazu die Gebärde, die wir einnehmen, wenn 
wir uns besinnen. Das Haupt ist ein wenig gehoben und gegen 
hinten geschoben. Man vergleiche die berühmte Homerbüste aus dem 
Altertum und fast alle modernen Darstellungen von Gelehrten und 
Künstlern (z. B. Rietschels Lessing und Luther, Hähnels Raffael und 
viele andere). In dieser Gebärde erraten und vermuten wir nicht bloß 
den Ausdruck hoher Geistestätigkeit, sondern wir nehmen sie darin 
so unmittelbar als gegenwärtig wahr, wie etwa den Schmerz in der 
Niobe, und zwar deshalb, weil uns der Zusammenhang: erhobener 
Kopf und regsames Denken in unserem eigenen Erleben gegeben ist. 
Natürlich soll nicht behauptet werden, daß die Zusammenhänge aller 
dem Gefühl unzugänglichen Seinszustände ebenso klar sind, wie der 
der Denktätigkeit; oft sind symbolische Vermittlungen im Spiel, die 
uns vorläufig noch dunkel sind. Man denke etwa an den Gesichts¬ 
ausdruck des Phantasten oder des Gefühllosen oder des Naiven. 
Aber soviel ist gewiß: sobald wir die Erscheinung, in der sich diese 
seelischen Eigentümlichkeiten äußern, vor unseren Blick bekommen, 
tauchen diese so festumrissen und bestimmt vor unserem Bewußtsein 
auf, daß wir sie mit keinem anderen Seinszustand verwechseln können, 
selbst dann nicht, wenn wir ganz unfähig sind, zu sagen, mit welchen 
Worten sie begrifflich zù bezeichnen sind. Wer die Worte Wagners: 
»zwar weiß ich viel, doch möcht’ ich alles wissen« mit dem eigenen 
Erleben unterfährt, der hat ein ganz unzweideutiges Bild einer geistigen 
Verfassung vor der Seele: das Bild eines eitlen, naiven, kleinlichen Bil¬ 
dungsphilisters, gleichviel, ob er das so ausdrücken kann oder nicht. 
Wie aber dieses anschauliche Vorstellen psychologisch näher zu 
erklären ist, ist eine Frage, die die Ästhetik im Grund nicht näher be¬ 
rührt. Die Ästhetik darf sich damit begnügen, festzustellen, daß sie 
bei ihrer Untersuchung des Prozesses, in dem das Inhaltlich-Ästhe¬ 
tische von uns aufgenommen wird, auf die Tatsache des anschaulichen 
Vorstellens stößt, d. h. auf ein Erfassen, das weder ein Fühlen noch 
ein begriffliches Erkennen ist und sich auch von gewöhnlichen Vor¬ 
stellungsreproduktionen durch seine ungemeine Lebendigkeit und Ur¬ 
sprünglichkeit unterscheidet; im übrigen mag sie die Aufgabe der 
Erklärung dieser psychischen Tatsache der Psychologie zuschieben. 
Dabei dürfte es fraglich bleiben, wie weit eine solche Erklärung 
glücken mag. Es dürfte sich in dieser Hinsicht mit dem anschau¬ 
lichen an die Lebensäußerung geknüpften Vorstellen und Erkennen 
ähnlich verhalten, wie mit dem durch die Sprache bestimmten Vor¬ 
stellen. Niemand vermag zu beschreiben, was in unserem Geist vor 
sich geht, wenn ein Wort, wie Tier oder Vetter oder Eitelkeit erklingt; 
optische Bilder tauchen beim Klang nicht auf, so wenig wie sprachlich
        

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