Bauhaus-Universität Weimar

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THEODOR A. MEYER. 
ästhetischen Genusses zu gelangen. Wenn, wie sich zeigen wird, die 
Einfühlungstheorie sich als unzulänglich für die Beantwortung der 
ersten Frage erweist, so ist daran der Umstand mit schuld, daß sie 
von ihren Hauptvertretern, von Lipps, Groos und bis zu einem ge¬ 
wissen Grad auch von Volkelt immer nur als ein Mittel zum Ver¬ 
ständnis des Wesens des ästhetischen Genusses entwickelt worden 
ist, während sie damit zugleich besagen wollen, wie das Verständnis 
des Seelischen am Kunstwerk zustande kommt. Der ästhetische Ge¬ 
nuß beruht vornehmlich auf der Gehaltseinheit, die sich aus den ver¬ 
schiedensten Lebensmomenten ergibt, die im Kunstwerk beisammen 
sind. Dabei spielen diese einzelnen Momente eine ganz verschiedene 
Rolle, bald eine mehr grundlegende, bald eine mehr nur mitwirkende. 
Das Häßliche z. B. ist oft nur ein untergeordnetes Bestandteil, be¬ 
stimmt, durch Kontrast das Schöne zu heben. Der seelischen Deutung 
dagegen müssen wir alle Lebensmomente in gleicher Weise unter¬ 
werfen. Es ist daher klar, daß man methodisch allein richtig verfährt, 
wenn man beide Betrachtungsweisen trennt und zuerst allein die 
Frage nach der Deutung erhebt. 
Die Befürworter der Einfühlungstheorie gehen mit Recht von der 
Tatsache aus, daß uns das Seelische immer nur in uns selbst ge¬ 
geben ist, daß wir es also letzten Endes, auch wo wir es in einem 
anderen finden, immer nur aus uns selbst nehmen können. Wie diese 
Entnahme aus dem Eigenen stattfindet, darüber herrschen unter ihnen 
hinsichtlich der Einzelheiten verschiedene Ansichten, deren Grundzüge 
aber auf folgendes hinauslaufen: das Kunstwerk wirkt durch die Äuße¬ 
rungen und Begleiterscheinungen des Seelischen und die Ursachen der 
seelischen Erregungen, die es uns vorhält, auf unser Gefühl und weckt 
in uns eben dieselben Gefühle, deren Äußerungen oder Erregungs¬ 
ursachen wir am Kunstwerk wahrnehmen. 
Diese Gefühle, die uns einzig und allein in der Betrachtung des 
Kunstwerks zuteil werden, legen wir in das Kunstwerk als seine 
Seele hinein; in den Formen des Kunstwerks also fühlen wir uns 
selbst oder anders gesagt, was wir selbst fühlen, fühlen wir in einem 
anderen, im Kunstwerk. 
Aber während die eben gegebenen Sätze sich einer fast all¬ 
gemeinen Anerkennung erfreuen, so ist ein heftiger Streit über die 
Frage entbrannt, welchen Charakter die Einfühlungsgefühle tragen. 
Sind sie dem Wesen nach den Gefühlen gleich, die durch die Wirk¬ 
lichkeit in uns ausgelöst werden, oder aber sind sie nur Erinnerungen 
an solche Gefühle, Reproduktionen, denen das Emotionale am Gefühl 
fehlt? Die Vertreter der konsequenten Einfühlungstheorie bestehen auf 
der Realität dieser Gefühle. Namentlich Lipps betont immer wieder,
        

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