Bauhaus-Universität Weimar

6 
THEODOR LIPPS. 
Tätigkeit. Die Linie tritt durch solche Tätigkeit für mich ins Dasein 
und wird zu dieser Linie. Sie gewinnt durch die ausweitende Tätig¬ 
keit für mich ihre Weite und durch die begrenzende Tätigkeit ihr ab¬ 
geschlossenes Dasein, kurz ihre Begrenztheit. 
Reden wir aber allgemeiner. Jedes räumliche Gebilde hat eine 
Form. Diese Form ist zunächst Größe der Ausweitung in dieser 
oder jener Richtung. Sie ist weiter so oder so geartete Begrenzung. 
Diese Form nun hat das räumliche Gebilde jedesmal für mich, weil 
ich ihm dieselbe durch meine Tätigkeit gebe. Ich gebe sie ihm, so 
gewiß ich das abgeschlossene Ganze des räumlichen Gebildes durch 
meine zusammenfassende Tätigkeit und meine Begrenzung dieser Tätig¬ 
keit schaffe. Die »Form« ist eben die Daseinsweise des Ganzen als 
solchen. Es ist die Gesamtqualität oder Gestaltqualität. Jede Form 
eines räumlichen Gebildes schließt also meine formschaffende oder 
formgebende Tätigkeit in sich. Diese ist meine und zugleich seine, 
d. h. des räumlichen Gebildes Tätigkeit. Das geformte Gebilde exi¬ 
stiert für mich gar nicht ohne diese formschaffende Tätigkeit. Dieselbe 
ist notwendig in ihm, sofern das Gebilde für mich existiert; dasselbe 
ist ein Produkt aus den beiden Faktoren, dem sinnlich Gegebenen und 
dieser formschaffenden Tätigkeit. Damit haben wir dasjenige genauer 
bezeichnet, was ich oben so ausdrückte: Indem ich ein räumliches Ge¬ 
bilde wahrnehme, durchdringe ich es mit meiner Tätigkeit oder meinem 
Leben. Leben und Tätigkeit sind ja gleichbedeutende Begriffe. Zu¬ 
gleich habe ich damit noch einmal dasjenige bezeichnet, was ich im 
ersten Bande meiner »Ästhetik« allgemeine apperzeptive Einfüh¬ 
lung nannte. 
Dazu tritt aber sofort und überall die zweite Art der Einfühlung, 
nämlich diejenige, die ich an jener Stelle als Natureinfühlung bezeichnete. 
Das Gebilde, das ich wahrnehme und auffasse, ist im Raum, es ist in 
demselben Raum, in welchem die Naturdinge sind. Und was in diesem 
Raum ist, betrachte ich nicht nur und fasse es in der Betrachtung zu¬ 
sammen und begrenze es, sondern ich verknüpfe es zugleich denkend 
nach Gesetzen des Denkens oder der Erfahrung. 
Ein Ding sei vertikal ausgedehnt; dann verfällt es dem Gesetz der 
denkenden Verknüpfung, das in der Welt der Dinge die vertikale Rich¬ 
tung beherrscht. Was oben ist, habe ich immer wieder nach unten 
sinken sehen. Daraus ist mir eine Tendenz entstanden, das Obere nach 
unten sinken zu lassen. Es ist dies zunächst meine Tendenz, es in 
Gedanken herabsinken zu lassen. Aber diese Tendenz ist wiederum 
nicht meine Sache, sondern das Obere selbst drängt oder nötigt mich 
dazu. Damit ist die Tendenz objektiviert: sie ist eine Tendenz des¬ 
jenigen, was oben ist, nach unten zu rücken.
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.