Bauhaus-Universität Weimar

ZUR ÄSTHETISCHEN MECHANIK. 
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der Linie, sie gehen aber ebensowohl in die weißen Punkte der Um¬ 
gebung ohne Unterbrechung über. In dem Ganzen, was meiner Ge¬ 
sichtsempfindung sich darbietet, ist die schwarze Linie mit vielerlei 
anderem zusammen implizite vorhanden. Sie wird in dem Ganzen 
meines Sehfeldes mitgesehen. Soll sie nicht implizite, sondern ex¬ 
plizite für mich da sein, nicht mitgesehen, sondern für sich gesehen 
werden, soll also das abgeschlossene Ding, das ich »diese Linie« 
nenne, für mich existieren, so muß ich es aus dem Ganzen, das ich 
wahrnehme, herauslesen oder herauslösen, d. h. ich muß Teil um Teil 
aus der Umgebung herausheben, TeiR zu Teil hinzufügen und suk¬ 
zessive die Teile miteinander verbinden, und so schließlich das Ganze 
schaffen. Ich muß dabei an einem Punkte einsetzen, weiter und 
weiter gehen, und schließlich absetzen. Jenes sukzessive Hinzunehmen 
und Vereinheitlichen ist ein Aufnehmen der Elemente der Linie in 
einen einzigen Akt der Auffassung, der das Ganze umspannen soll. 
Es ist ein sukzessives Sichausweiten dieses Aktes, ein Gewinnen einer 
größeren und größeren Spannweite desselben, bis er alle diese Ele¬ 
mente in sich aufgenommen hat. Und das Absetzen ist im Vergleich 
damit eine in entgegengesetzter Richtung gehende Leistung. Es ist 
das Abschließen dieser Ausweitungsbewegungen, der Zusammenschluß 
des in den Akten der Auffassung Aufgenommenen, die Begrenzung 
der Auffassungstätigkeit, die Weiteres und immer Weiteres in den 
einen Akt aufzunehmen bereit ist. 
Diese ganze innere Tätigkeit vollziehe ich aber auf das Geheiß der 
Linie. Die Linie gibt mir den Anstoß zu jenem Ansätze. Sie gebietet 
mir den sukzessive sich weitenden Akt. Und sie schreibt mir die Be¬ 
grenzung dieser Ausweitungsbewegung vor. Die ganze Tätigkeit ist 
also meine, und doch wiederum nicht meine Sache, sondern Sache 
der Linie. Die Linie, dieses Ding, oder dieser von seinem Hinter¬ 
grund geschiedene, abgeschlossene Gegenstand existiert für mich gar 
nicht ohne diese Tätigkeit. Dieselbe liegt somit in der Linie als kon¬ 
stituierender Faktor desselben. Die Linie wird durch sie — nicht an 
sich, aber für mich. Habe ich die Linie in meinem geistigen Besitz, 
so habe ich sie als etwas, das diese Tätigkeit in sich schließt, so gut 
wie es die einzelnen Elemente, die durch die optischen Reize gegeben 
sind, in sich schließt. Es ist unmöglich, daß irgend eine Linie der 
Welt für mich existiert oder für mich ein abgeschlossener und für sich 
bestehender Gegenstand sei, ohne daß in solcher Weise ich mit meiner 
Tätigkeit unmittelbar darin liege. Sofern aber diese meine Tätigkeit in 
der Linie liegt, ist sie die Tätigkeit dieser Linie. Sie ist die ausweitende 
Tätigkeit der Linie, die an einem Punkte einsetzt, weitergeht und sich 
begrenzt. Sie ist Impuls zur Tätigkeit, fortgehende Tätigkeit, begrenzende
        

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