Bauhaus-Universität Weimar

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THEODOR LIPPS. 
oder Gegeneinander von Kräften sich auswirkt, und in welchen die 
Form zu Ende ist, wenn die daraus resultierende Bewegung ihr natür¬ 
liches Ende gefunden hat oder zur Ruhe gekommen ist, — die ein¬ 
fachere. Diese einfachere Aufgabe ist dann zugleich diejenige, die die 
Ästhetik zuerst zu lösen hat. 
Die antike Form ist vergleichbar der in sich abgeschlossenen ein¬ 
fachen Melodie. Wie mehrere solche Melodien zu einer umfassenderen 
Melodie, so können verschiedene Formen dieser Art sich zu einem 
Ganzen zusammenfügen, das wiederum von einer einzigen in sich 
abgeschlossenen Bewegung beherrscht erscheint. Aber sie fügen sich 
dann aneinander, wie sich abgeschlossene Melodien oder Teilmelodien 
aneinander fügen und zu einem melodischen Ganzen zusammen¬ 
schließen. 
Die moderne Linie dagegen ist vergleichbar der aus dem Über¬ 
gehen von Melodie in Melodie, dem Hinübergleiten einer Melodie in 
die Region und Flerrschaft einer immer neuen und neuen Tonika 
oder Tonart entstehenden »unendlichen Melodie«. Hier fügen sich 
Melodien nicht aneinander, sondern sie verweben sich ineinander. 
Nun, wie die Ästhetik der Musik zunächst sich wird begnügen 
müssen, die einfache Melodie zu verstehen, und ihre Aufgabe der un¬ 
endlichen Melodie gegenüber die sein wird, aus ihr die einfachen 
Melodien herauszulösen und die Gesetzmäßigkeit des Überganges von 
einer zur anderen zu begreifen, und endlich zu zeigen, wie oder in¬ 
wieweit doch in ihrer Verwebung etwas wie ein einheitliches melo¬ 
disches Ganze entsteht, so am Ende wird es sich auch mit der Ästhetik 
der Formen verhalten müssen. 
Dieser Bemerkung gemäß fasse auch ich die ästhetische Mechanik 
zunächst als Mechanik jener einfachen und in sich abgeschlossenen 
Formen. 
2. Über einige einfache Linien. 
Das einfachste Gebilde mechanischer Kräfte ist die gerade Linie. 
Sie entsteht, indem ein in einem Punkte wirkender, einfacher Bewe¬ 
gungsanstoß oder -impuls ungestört, lediglich seiner eigenen Gesetz¬ 
mäßigkeit folgend, sich auswirkt. 
Wiederum ist die ästhetisch einfachste gerade Linie die horizon¬ 
tale. Sie ist gegen die Schwere oder den Gegensatz zwischen der 
abwärts treibenden Wirkung der Schwere und der ihr entgegenwirken¬ 
den vertikalen Tätigkeit neutral. Mit Rücksicht auf den vertikal sich 
ausdehnenden Raum ist sie nur einfach da. Das Einzige, was sie 
leistet, was also ihr ästhetisches Wesen ausmacht, ist dies, daß sie
        

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