Bauhaus-Universität Weimar

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THEODOR LIPPS. 
wert solche, in welchen wir uns als in der Freiheit unserer Betätigung 
gehemmt und gestört fühlen. Ästhetisch wertvoll also sind solche 
Formen, in welchen für uns Bewegungen liegen oder bewegende 
Kräfte sich verwirklichen, derart, daß diese Bewegungen den uns ver¬ 
trauten Gesetzen der Bewegung entsprechen; ästhetisch unwert solche, 
bei denen das Gegenteil der Fall ist. 
Bewegende Kräfte nun nennen wir auch mechanische Kräfte, Ge¬ 
setze der Bewegung mechanische Gesetze. Wir dürfen demnach auch 
sagen: ästhetisch wertvoll sind solche Formen, die für unsere ästhetische 
Betrachtung — die das Dasein in ein Werden, also in Bewegungen 
auflöst — nach mechanischer Gesetzmäßigkeit ihr Dasein gewinnen 
und haben. Oder kurz, ästhetisch wertvoll sind die aus sich selbst 
mechanisch verständlichen Formen; ästhetisch unwert sind die aus sich 
mechanisch unverständlichen, in diesem Sinne innerlich unmöglichen. 
Die Bewegungen und bewegenden Kräfte, die in ihrem Zusammen- 
und Gegeneinanderwirken die räumlichen Formen ins Dasein rufen, 
bestehen nun für unsere ästhetische Betrachtung nur in Gestalt eines 
Gesamteindruckes, d. h. wir geben uns nicht Rechenschaft über die 
Art der Kräfte und die Weise ihres Wirkens, sondern haben einfach 
ein Gefühl der Freiheit und inneren Notwendigkeit des Verlaufes der 
Formen, beziehungsweise ein Gefühl des Zwanges und der inneren 
Unmöglichkeit. Wir geben jenem Gefühl auch wohl Ausdruck, indem 
wir von einem freien »Fluß« der Formen reden, oder wir bezeichnen die 
Form, die uns dies Gefühl ergibt, als richtig oder als in der Ordnung. 
Die Ästhetik aber hat die Aufgabe, diesen Gesamteindruck in seine 
Elemente aufzulösen, also die in ihm erlebten Kräfte und Tätigkeiten 
voneinander zu sondern und einzeln herauszustellen, und zu zeigen, 
wie sie zusammen und gegeneinander wirken und wie daraus die 
künstliche Form entsteht und sich im Dasein erhält. Die Ästhetik 
legt jenen Gesamteindruck sozusagen in eine innere Geschichte, 
nämlich die Geschichte der Tätigkeiten und des Entstehens der Form 
im Fortgang derselben, auseinander. Sie zeigt insbesondere, wie die 
Bewegungen oder bewegenden Kräfte ihrer eigenen inneren Gesetz¬ 
mäßigkeit folgend, also frei, eine Form ins Dasein rufen können und 
müssen. 
Indem aber die Ästhetik diese Gesetzmäßigkeit bewegender Kräfte 
und Tätigkeiten zeigt, ist sie ästhetische Mechanik. Mit diesem Namen 
habe ich denn auch seit langem die Aufgabe der Ästhetik der künst¬ 
lichen oder geometrischen Form belegt. 
Diese ästhetische Mechanik ist nun wohl zu unterscheiden von der
        

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