Bauhaus-Universität Weimar

Zur Einfühlung. II. Bestimmtheiten der Gegenstände. 
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in ein Verhältnis zueinander setzt? Verhalten sich die Zahlen 
selbst, auch außer dem Bewußtsein, in der Weise zueinander, 
wie es das Wort „mehr als“ meint? 
Worin besteht dann diese Weise ihres wechselseitigen Ver¬ 
haltens? Ist sie eine Art der räumlichen Bewegung oder eine 
Farbe oder ein Geschmack? Es scheint mir, nichts von alledem 
trifft zu. Das „mehr als“, dies Verhältnis, das, was den spezi¬ 
fischen Sinn jenes Wortes ausmacht, es besteht nirgends als im 
Bewußtsein dessen, der daran glaubt. Das mehr als ist also 
nicht wirklich in dem gewöhnlichen Sinne des Wortes. Es be¬ 
steht nicht in Wirklichkeit, wenn wir es irgend genau nehmen. 
Und doch ist dies Verhältnis nicht ein erdachtes. Noch 
auch ist es in unserem Falle ein bloß vermeintliches. Sondern 
•es besteht „in Wahrheit“. 
Die Wissenschaft sucht die Wahrheit. Aber sie sucht die 
Wahrheit auch auf Gebieten, auf denen von Wirklichkeit keine 
Rede ist. Die reine Arithmetik etwa ist dafür Zeugnis. Und 
wo sie auf das Wirkliche gerichtet ist, da ist das in Wahrheit 
oder das wahrhaft Wirkliche gemeint. 
Machen wir aber die Unterscheidungen, die im Vorstehenden 
für notwendig erklärt wurden, tatsächlich, so sind die geltenden 
Bestimmtheiten von Gegenständen glaub bare Bestimmtheiten, 
während die Beschaffenheiten nur einfach denkbare Bestimmt¬ 
heiten heißen müssen und an sich mit dem Glauben, also auch 
mit dem Gegensatz des Vermeintlichen und des Gültigen, der 
Wahrheit und des Scheines, nichts zu tun haben. In jedem 
Falle haben wir aber wohl auf den Unterschied des bloßen 
Denkens und des Glaubens und ebenso auf den Gegensatz der 
Wirklichkeit und der Wahrheit wohl zu achten. 
Alle diese Unterscheidungen ausdrücklich zu machen, ist 
aber wissenschaftlich um so mehr erforderlich, je weniger dabei 
der gemeine Sprachgebrauch uns unterstützt. Man weiß aber, 
daß schon das „Denken“ und das „für mich“ zweideutig ist. Ich 
kann mir das nicht denken, so sagen wir und wollen sagen, 
daß wir es nicht glauben können, und, für mich ist es so, so 
sagen wir und wollen damit zu verstehen geben, daß es uns 
scheine, daß es so sei oder daß wir meinen, es sei so. 
Lipps, Psychol. Untersueh. II. II
        

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