Bauhaus-Universität Weimar

Zur Einfühlung. XIII. Die Einfühlung in die fremde sinnliche Erscheinung usw. 439 
Und gar nicht kann gesagt werden, es ergebe sich erst aus 
den einzelnen Urteilen und aus dem kollektiven Urteil, das 
durch Zusammennahme der Einzelnen entsteht, das Gattungs¬ 
urteil in dem Sinne, daß ich erst alle die einzelnen Urteile ge¬ 
fällt haben müßte, ehe ich das Gattungsurteil fällen kann.* 
Natürlich müßte ich dann die Einzelurteile zunächst anderswo¬ 
her gewonnen haben. Und ich könnte sie dann nur gewonnen 
haben aus der Erfahrung. Aber alle die Einzelurteile, die Ur¬ 
teile etwa, daß dieser und jener Mensch sterblich sei, kann ich 
nicht aus der Erfahrung gewonnen haben. Gemeint sind ja mit 
dem „alle“, alle möglichen Menschen, auch die zukünftigen, 
und deren Zahl ist endlos. Ich habe von allen diesen Menschen, 
die ich meine, gar keine Kenntnis. 
Sondern die Sache verhält sich, wie jeder weiß, in Wahr¬ 
heit umgekehrt. Aus dem Akte des Urteils, daß der Mensch 
überhaupt sterblich sei, ergibt sich erst das Urteil, daß alle 
Menschen sterblich seien. Natürlich erwächst auch jener Akt 
des Urteilens aus einer Quelle. Aber diese Quelle ist nicht das 
Urteil, daß alle Menschen sterblich seien, also nicht das kollek¬ 
tive Urteil und nicht die einzelnen Urteile, die darin liegen. 
Sondern ihre Quelle sind die Prämissen jenes Gattungsurteiles. 
oder des Schlusses, in welchem jenes Urteil die conclusio ist 
Und die können wenige sein. In jedem Falle kommt es, wie 
wir schon sahen, nicht darauf an, wie viele sie seien, sondern 
nur darauf, ob sie den Umkreis der möglichen qualitativen Ver¬ 
schiedenheiten der Menschen erschöpfen. 
Anders dagegen verhält es sich mit dem universalen Gattungs¬ 
urteile und seiner Stellung zu den einzelnen Urteilen, bzw. zu 
dem kollektiven Urteil, das ihm entspricht. Auch dies ist, 
genauer gesagt, ein Allheitsurteil. So entspricht dem Gattungs¬ 
urteil, daß zu dem „Baumsein in meinem Garten“ das Abge¬ 
storbensein gehöre, das Kollektivurteil, alle Bäume in meinem 
Garten sind abgestorben. 
Von diesem Kollektivurteil nun kann ich nicht anders Kennt¬ 
nis haben, als indem ich die einzelnen Bäume in meinem Garten, 
nämlich sie alle, beobachte und an ihnen in der Erfahrung das 
Abgestorbensein vorfinde. Und daraus wiederum gewinne ich
        

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