Bauhaus-Universität Weimar

Zur Einfühlung. XII. Die geometrisch-optischen Täuschungen. 
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grenzen jene Punkte nach links, oder üben nach links eine be¬ 
grenzende Tätigkeit, und ebenso begrenzen die anderen Punkte 
nach rechts, oder üben nach rechts die gleiche begrenzende 
Tätigkeit. Wie nun soll ich in diesem Falle des nach links und 
ebenso des nach rechts inne werden, oder das, was diese Worte 
sagen, mir zum Bewußtsein bringen, wenn nicht so, daß ich 
innerlich oder in meinem Bewußtsein die Punkte nach links 
bzw. nach rechts verschiebe. Diese Verschiebung ist dann die 
Eigentümlichkeit oder Richtung, von der ich oben sprach. Sie 
ist das für mich zu dem Ort der Punkte oder ihrem räumlichen 
Dasein notwendig Hinzutretende, wenn ich dem, was ich im 
ganzen vor mir sehe, gerecht werden will. Diese Verschiebung 
nach links oder rechts besteht nicht für mein Auge, aber für 
mein Bewußtsein. Sie ist eine von mir vollbrachte, aber sie ist 
in dem Sehen dessen, was vor meinem Auge sich ausbreitet, 
unmittelbar enthalten. Daraus nun ergibt sich die geometrisch¬ 
optische Täuschung in diesem Falle. 
Vielleicht nun sagt man mit Rücksicht auf dies spezielle Bei¬ 
spiel, und vielleicht auch weiterhin allgemein, die eingefühlte 
Tätigkeit sei doch nur die Auffassung dessen, was wir sehen, und 
wie wir es sehen. Dies aber wäre eine Ungenauigkeit oder ein sach¬ 
licher Irrtum. Nur innerhalb des Ganzen der sich ausdehnenden 
Distanz und ihrer Endpunkte besteht ja die begrenzende Tätigkeit. 
Und dies Ganze ist uns nicht gegeben, sondern wir machen 
es, oder schaffen es geistig. Indem wir das Bewußtsein haben, 
ein Punkt begrenze eine Distanz, beziehen wir den Punkt auf 
die Distanz. Die Begrenzung der Distanz durch die Linie ist 
eine Beziehung beider aufeinander, und diese stellen wir für 
uns her, indem wir den Punkt und die Distanz aufeinander be¬ 
ziehen. 
So ist schließlich in diesem Falle die Verkennung des 
Wesens der geometrisch-optischen Täuschung überhaupt eine 
Verkennung der Tatsache, daß die Welt der Objekte, von der 
wir ein Bewußtsein haben, nicht allein besteht aus dem, was 
wir jetzt sinnlich wahrnehmen, sondern auch aus dem, was wir 
einfühlend dazu hinzufügen. Und sie ist eine Verkennung des 
Umstandes, daß das im Akte der sinnlichen Wahrnehmung uu-
        

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