Bauhaus-Universität Weimar

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Theodor Lipps. 
alles Sehen des gewöhnlichen Lebens. Man frage jemand, wie 
groß er die Hand sehe, in Vergleich zu dem in einiger Ent¬ 
fernung stehenden Ofen, und er wird sagen, daß er sie viel 
kleiner sähe, obgleich er sie vielleicht ebenso groß sieht. Oder 
man frage ihn, wie es mit der gesehenen Größe des Mondes 
bestellt sei im Vergleich zu einem silbernen 20-Pf.-Stück, so 
wie sie ehemals geprägt wurden; im Vergleich nämlich zu dem 
20-Pf.-Stück, wenn dasselbe in einer bestimmten Entfernung 
vom Auge sich befinde. Er wird vielleicht sagen, der Mond 
werde sehr viel größer gesehen, während doch nichts leichter 
ist, als zu zeigen, daß mit dem 20-Pfi-Stück unter gemachten 
Voraussetzungen das ganze Bild des Mondes sich verdecken 
läßt. Ich selbst gestehe gerne, daß ich in allen solchen Fällen 
großen Täuschungen zu unterliegen pflege. Auch der Winkel, 
von dem ich weiß, daß er ein rechter ist, den ich aber als 
spitzen sehe, und nur als spitzen sehen kann, wird meinem Ein¬ 
druck zufolge wenigstens annähernd als ein rechter gesehen. 
Besonders in einem Falle aber ist dieser Einfluß der Beur¬ 
teilung von Gegenständen auf den Größeneindruck auffallend, 
beim Vergleich nämlich des unkünstlerischen und des künst¬ 
lerischen Sehens. 
Eine Tischplatte sei zur Richtung meines Blickes geneigt, 
derart, daß ihre Tiefendimension nur ein halb so großes Netz¬ 
hautbild ergibt, als sie ohne solche Neigung ergeben würde. 
Mir aber macht die Tischplatte und insbesondere ihre Tiefen¬ 
ausdehnung nicht den Eindruck einer so geringen Größe. Ich 
habe den Eindruck, als ob ich sie nicht viel kleiner, als sie 
wirklich ist, sähe. Aufgefordert, das zu zeichnen, was ich sehe, 
mache ich demnach diese Tiefenausdehnung zu groß. 
Was ist es nun hier, das die Täuschung des Augenmaßes 
bedingt? Was verändert die Größe des Netzhautbildes in solchen 
Fällen? Nichts dergleichen ist aufzufinden. Es hätte aber auch 
gar keinen Sinn, dies Moment zu suchen. Wir wissen, das 
Netzhautbild, also auch das Wahrnehmungsbild, besteht un¬ 
verändert weiter. 
Dafür liefert der künstlerische Zeichner den Beweis. Seine 
Aufgabe ist es ja eben, das, was er sieht und auch wir tat-
        

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