Bauhaus-Universität Weimar

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Theodor Lipps. 
Ein solches durch die Objekte oder die Erfahrung-, die ich 
an ihnen machte, mir vorg-eschriebenes Fortzielen, nennen wir 
auch eine Erwartung-. Ich erwarte, daß der Stein, wenn er nicht 
gehalten ist, fällt. Darin liegt ein Streben. Dies ist ein Streben 
von dem Stein oder seiner gegenwärtigen räumlichen Lage 
fortzugehen zu einer Bewegung nach unten. Dies Streben ist 
mein Streben, also ein Erlebnis, das in mir stattfindet. Aber dies 
Streben ist durch die Naturgesetzmäßigkeit mir vorgeschrieben. 
Ich werde damit dem Stein, so wie er mir entgegentritt, „gerecht“, 
indem ich von ihm zu der Bewegung fortziele, und so ist mein 
Streben für mich zugleich ein in den Objekten liegendes, ein 
Streben des Steines, zu fallen. Man könnte sagen, ein objektives 
Streben. Dies nun aber bezeichnen wir auch als Erwartung. 
Wir erwarten von einem Stein, daß er falle, wir erwarten ebenso 
von jedem Körper, daß er nach einem andern, so wie es das 
Gesetz der Gravitation sagt, hin gravitiere. Wir dürfen sagen, 
die Erwartung ist das durch die Objekte mir vorgeschriebene 
Streben oder das objektive Streben in diesem Sinne. Zweifellos 
liegt ja in dieser Erwartung ein Streben. Ich erwarte, daß mein 
Freund kommen wird, d. h. es ist in mir ein Streben, ihn als 
kommend zu denken. Dies Streben aber besteht, weil der^reund 
etwa mir sein Kommen angekündigt hat. 
Oben sagte ich, daß das Streben, dies Bewußtseinserlebnis 
verschieden bezogen werden könnte. Es sei ein Streben nach 
dem Ziel und es sei als dies eine und selbe Streben zugleich 
ein Streben gegen die Hemmung. Aber auch die Hemmung 
strebt ihrerseits gegen das Ziel. Sie übt gegen die Erreichung 
des Zieles „Widerstand“. Der Widerstand ist ja ein Wider¬ 
streben, aber ein objektives, d. h. objektiviertes oder in Objekte 
eingefühltes. Daß auch diese Einfühlung besteht, ist kein Wunder. 
Alles was ist, strebe ich auch weiterhin als daseiend zu denken. 
Und daß ein Widerstand siegreich sein und die Erreichung des 
Zieles verhindern könne, sagt, daß mein Streben, ihn so zu 
denken, oder meine Erwartung, siegreich sein können gegenüber 
dem Streben, das Ziel als erreicht zu denken. Und auch dies 
Streben ist nicht ein willkürliches, sondern durch die Naturgesetz¬ 
mäßigkeit mir vorgeschrieben. Auch damit werde ich dem Ge-
        

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