Bauhaus-Universität Weimar

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Theodor Lipps. 
stehen. So ist es etwa auch mit der Welt der Dichtung*, die 
der Dichter schafft. Obgleich von ihm geschaffen, ist ihm doch 
diese ganze Welt gegeben. D. h. alles, was sie konstituiert, 
die Elemente und auch die Verbindungsweisen, sind ihm ge¬ 
geben. Nur die Verwendung des Gegebenen, die Weise der 
Aneinanderfügung, ist seine Sache. So müssen wir auch von 
diesem Kombinieren das Schaffen, von dem wir hier reden, 
unterscheiden. Dies Schaffen verdient in Wahrheit allein diesen 
Namen. Es allein ist ein Schaffen im vollen Sinne des Wortes, 
ein Insdaseinrufen von Gegenständen, die auch nicht Analogien 
sind des Gegebenen, sondern eine völlig neue Eigenart haben, 
dergleichen es ohne das Schaffen nicht gibt, noch geben kann. 
Wir wollen darum dies Schaffen auch ausdrücklich ein Neu¬ 
schaffen nennen. 
Für diese geschaffenen oder neugeschaffenen Gegenstände 
nun waren uns im vorstehenden die numerischen und die sach¬ 
lichen Ganzen Beispiele. Doch gehören zu ihnen auch die 
Zahlen. Hiermit unterscheiden wir die Zahlen von den An¬ 
zahlen. Indem wir dies tun, wollen wir doch nicht etwa die 
enge und besonders geartete Beziehung zwischen den Zahlen 
und den Anzahlen leugnen. Diese aber zu bezeichnen, ist hier 
nicht unsere Aufgabe. Und in jedem Falle besteht ein Unter¬ 
schied der beiden, der ihre Auseinanderhaltung rechtfertigt. 
Die Ÿ—i nennt niemand eine Anzahl. Zahlen aber sind in 
gleicher Weise die Y—i wie etwa die 7. 
Es wird Aufgabe der Philosophie oder der Psychologie oder 
der Logik der Arithmetik sein, das Wesen der arithmetischen 
Operationen zu zeigen und darzutun, inwiefern nicht be¬ 
stimmte Gegenstände, sondern die Gegenstände überhaupt 
diese Operationen erlauben, inwiefern die Möglichkeit ihrer 
aller in der allgemeinen Gegenstandsnatur liegt und dafür die 
Beschaffenheit der Gegenstände oder ihr unterscheidendes Wesen 
bei ihnen in keiner Weise in Betracht kommt. 
Diese Möglichkeit verwirklichen nun die arithmetischen 
Operationen. Und durch sie entstehen die Zahlen 1 und 7 
und o und 7 + 5 und 7 — 5 und — 1 und 2 . 3 und 32 und 
V3 und Y—1 und das Binom abi usw.
        

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