Bauhaus-Universität Weimar

3o8 
Theodor Lipps. 
sei ein Bewußtsein der Notwendigkeit, nicht zulässig. Wie wir 
schon sahen, brauche ich, wenn ich urteile, A sei B, nicht A 
als B „vorzustellen“. Vielleicht sogar vermag ich dies gar nicht 
zu tun. Jedermann meint, daß das Bild von einem Gegenstände, 
das ich habe, der endlichen Natur des menschlichen Geistes zu¬ 
folge, jederzeit endlich begrenzt sei. Und doch gilt das Urteil, 
der Raum oder die Zeit sei unendlich. Und dies Urteil besteht 
in dem Bewußtsein, der Raum oder die Zeit solle als etwas Un¬ 
endliches gedacht werden. Das Bild von einem Gegenstände 
ist im Gegensatz zum Gegenstände in mir oder in meinem Be¬ 
wußtsein. Nicht der Baum, das Haus, der Raum, den ich mit 
dem Bilde, was ich in mir habe, „meine“, wohl aber dies Bild 
habe ich. Der Gegenstand ist nicht in meinem Bewußtsein, 
sondern für dasselbe da; er steht mir gegenüber. Ich nehme 
ihn hin oder beachte ihn, beurteile ihn usw. Und indem das 
Bild in mir ist, ist auch die Notwendigkeit, dies Bild zu haben, 
in mir. Sie ist eine psychologische Zuständlichkeit in diesem 
Sinne. Was in meinem Bewußtsein ist, nenne ich auch In¬ 
halt. Wie Inhalt und Gegenstand verhalten sich also Vor¬ 
stellungsnotwendigkeit und Forderung*. Im übrigen siehe über 
Inhalt und Gegenstand den ersten Aufsatz des I. Bandes dieser 
psychologischen Untersuchungen. Und jene psychologische 
Zuständlichkeit ist, wie wir sahen, nicht erforderlich, damit ein 
Urteil stattfinde. 
Oder ich meine mit der Notwendigkeit in der Tat nur die 
logische Notwendigkeit. Denn aber muß ich wissen, was ihre 
spezifische Eigentümlichkeit ausmacht, und das ist eben das, 
was auch die Forderung charakterisiert. Was aber den spezi¬ 
fischen Sinn dieses Wortes in unserm Zusammenhänge ausmacht, 
das wissen wir. 
Die Forderung bezeichnete ich soeben wieder als Forderung 
des Gegenstandes. Weil sie dies ist, so ist sie die gleiche, wenn 
der Gegenstand der gleiche ist, mag es ein individuelles Be¬ 
wußtsein, für das er Gegenstand sein könnte, gar nicht geben, 
oder mag die Forderung in einem individuellen „Vorstellen“ 
erfüllt sein oder nicht, ja gar nicht erfüllbar sein. Was ein 
Gegenstand fordert, das fordert er, wenn er der gleiche Gegen-
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.