Bauhaus-Universität Weimar

Theodor Lipps. 
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Ein Werturteil etwa falle ich, wenn ich glaube oder zu wissen 
meine, ein Gegenstand habe einen bestimmten Wert oder was 
dasselbe sagt, wenn ich die Forderung des Gegenstandes, daß 
eine bestimmte Wertung stattfinde, anerkenne. Die Fällung 
des Werturteils ist das Bewußtsein, eine bestimmte Wertung 
solle stattfinden, oder sie sei recht, diese bestimmte Wertung 
sei sachlich oder objektiv begründet, sie entspreche der Forde¬ 
rung der Vernunft. Aber darin liegt nichts davon, daß ich 
der Forderung gemäß werte. Es liegt in dem Anerkennen 
nichts von einem praktischen Sichauswirken des Gegen¬ 
standes. Oder in der Auffassung des Gegenstandes liegt 
nicht eine Weise meines praktischen Tuns oder der über das 
bloße Anerkennen hinausgehenden Betätigung meiner selbst. 
Dagegen macht eben dies das Wesen, sozusagen den Lebens¬ 
nerv der Einfühlung aus. Bei ihr ist eine Bestimmtheit meiner, die 
nicht bloße Anerkennung ist, für mich rein gegenständlich bedingt. 
Sie ist bedingt durch die Beschaffenheit meiner Auffassungs¬ 
tätigkeit, aber sofern diese auf einen bestimmt beschaffenen 
Gegenstand zielt. Und dies ist die einzige mögliche Weise 
der praktischen Gegenstandsbestimmtheit, die wir erdenken 
können, so wie die gegenständliche Bestimmtheit, die im Ur¬ 
teilen vorliegt, die einzige mögliche theoretische Art derselben ist. 
Noch eine dritte Möglichkeit neben diesen scheint es zu 
geben. Ich werte, so nehme ich an, wie ich soll oder wie es 
recht ist. Mein Verhalten überhaupt und mein ganzes Wesen 
ist mit der Forderung der Sache, der Vernunft oder der Pflicht 
in Übereinstimmung. Dann scheine ich doch durchaus gegen¬ 
ständlich bedingt. Aber in Wahrheit bin ich es nicht. Mein 
Verhalten liegt nicht in der Natur der Gegenstände oder der 
auf sie zielenden Auffassungstätigkeit. Ich und die Gegenstände 
sind wie zwei gerade Linien, die hinsichtlich ihrer Richtung 
übereinstimmen, vielleicht aber weit voneinander abstehen und in 
jedem Falle als zwei verschiedene Linien sich gegenüber¬ 
stehen. Eben das Wort Übereinstimmung schließt die Zweiheit 
des Übereinstimmenden und den Gegensatz zwischen beiden in sich. 
Und aus meiner individuellen Natur und Eigenart stammt nun 
mein Verhalten und stammt auch die Übereinstimmung meines
        

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