Bauhaus-Universität Weimar

22Ô 
Theodor Lipps. 
freilich auch ein Stetiges. Im übrigen aber ist dies Bewußtseins¬ 
erlebnis nur eben dies eigentümliche Bewußtseinserlebnis und 
mit irgendwelchen Bestimmtheiten von Linien so wenig ver- 
gleichlich, wie etwa meine Hoffnung mit Blau oder Süß ver- 
gleichlich ist. 
Wenn dem aber so ist, wie komme ich dann dazu, die beiden, 
jene gesehene Bestimmtheit der Linie und des Räumlichen 
überhaupt einerseits und die in mir erlebte Bestimmtheit meiner 
andererseits, dennoch mit dem gleichen Namen Übergang zu 
benennen? Hierauf ist, soviel ich sehe, die Antwort einfach. 
Jenes Sehen ist, wie wir wissen, ein Sehen von eigener Art. 
Freilich ist es ein Sehen, aber ein solches, das nicht geschehen 
kann, ohne daß zugleich ein Bewußtseinserlebnis, nämlich ein 
von mir vollbrachtes Zusammennehmen zu einem Ganzen und ein 
Beziehen, kurz, ein von mir vollbrachtes und nur in mir erleb¬ 
bares Tun in mir stattfande und von mir erlebt wird. Es ist 
ein Sehen, bei dem das Gesehene von mir nicht aufgefaßt 
werden kann, ohne jenes Tun, ein Sehen also, das dies Tun in 
sich schließt. 
Es ist aber eine allgemeine, obzwar recht oft verkannte psycho¬ 
logische Tatsache, daß wir überall da, wo in solcher Weise in 
einem Akt des sinnlichen Empfindens ein Bewußtseinseriebnis 
oder eine nur erleb bare Bestimmtheit meiner steckt, zur Be¬ 
zeichnung einerseits des Gegenstandes der Empfindung anderer¬ 
seits der nur in mir erleb baren Bestimmtheit meiner uns mit 
einem einzigen Namen zu behelfen pflegen. So nennen wir auch 
eine gewisse Art von Gegenständen der kinästhetischen Emp¬ 
findung, nämlich den eigentümlichen und nicht näher beschreib¬ 
baren Muskeldruck, den wir empfinden, wenn die Glieder 
unseres Körpers sich bewegen, mit dem Namen „Spannung“, 
aus keinem anderen Grunde, als weil wir in solchen Bewegungen 
uns als die Bewegenden zu erleben pflegen und weil wir immer, 
wenn wir solchergestalt uns als tätig erleben oder wie wir auch 
sagen, uns tätig fühlen, in der Tätigkeit das sie auszeichnende 
Moment der Spannung miterleben. Wir nennen demgemäß 
auch jene Art der kinästhetischen Empfindung Spannungs¬ 
empfindung. Umgekehrt nennen wir Schmerz nicht nur das*
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.