Bauhaus-Universität Weimar

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Die Apperzeption. 
Mannigfaches sich darstellt — nicht nur als irgendwie ein Moment 
der Übereinstimmung der Teile in sich tragend, sondern als klare 
und bestimmte Differenzierung eines und desselben Gemein¬ 
samen, eines gemeinsamen Rhythmus oder Bildungsgesetzes, einer 
gemeinsamen Grundform usw. Man denke etwa an die Einstimmig¬ 
keit der Teile eines Bauwerkes1). 
Ein besonders geartetes Produkt der Verschmelzung aus Tönen 
sind die Vokalklänge. Auch sie sind Klänge, aber mit eigentüm¬ 
licher Klangfarbe. Diese entsteht, indem der viele Teiltöne in sich 
schließende Stimmbandklang durch die auf bestimmte absolute 
Tonhöhen abgestimmte Mundhöhle hindurchgeht, und demgemäß 
eine Verstärkung der diesen Tonhöhen entsprechenden Teiltöne 
erfährt. 
Denken wir uns vielerlei nicht konsonante, sondern in beliebigem 
Verhältnis zueinander stehende Töne gleichzeitig gegeben, und neh¬ 
men wir an, es rage unter ihnen keiner an Stärke allzusehr hervor, 
so müssen auch diese Töne verschmelzen. Die Nötigung der Ver¬ 
schmelzung ergibt sich hier einerseits aus der Übereinstimmung, die 
allen den Tönen eben als Tönen zukommt; andererseits aus der 
begrenzten Fähigkeit der Seele, vielerlei zumal für sich aufzufassen. 
Aber diese Töne verschmelzen nun nicht zu dem qualitativ in sich 
absolut einheitlichen, »glatten« Klang, sondern zu einem Geräusch. 
Ragt unter den Tönen einer an Stärke genügend heraus, oder sind 
unter ihnen mehrere, die für sich zu einem Klang verschmelzen 
können, so entsteht das Klanggeräusch. Solche sind z. B. die stimm¬ 
haften Konsonanten. 
Damit ist ]nicht ausgeschlossen, daß entwicklungsgeschichtlich 
die Geräusche den Tönen vorangehen und ihre eigenen Ent¬ 
stehungsbedingungen haben. Geräuschempfindungen sind psychische 
Gesamtvorgänge, die nicht als einfache Differenzierungen eines Ge¬ 
meinsamen sich darstellen, also, kurz gesagt, in sich ungeordnete 
Erregungen. Diese nun können einerseits durch das Zusammen- 
I) Weiteres zur Tonpsychologie in den »Psychologischen Studien«, Heidelberg 
1885, und den Aufsätzen »Tonverwandtschaft und Tonverschmelzung« in Zeitschrift 
f. Psychol, u. Physiol, d. Sinnesorgane, Bd. XIX, und »Zur Theorie der Melodie«, 
ebenda, Bd. XXVII; endlich in der »Ästhetik«, Hamburg u. Leipzig 1903, Bd. I, 
S. 450 ff.
        

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