Bauhaus-Universität Weimar

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Grundlegung. 
gemacht. Natürlich treten an die Stelle dieser Unterschätzungen 
unter den entgegengesetzten Bedingungen die entsprechenden 
U b erschätzungen. 
Endlich wird in den »Bewegungsempfindungen« auch keine Be¬ 
wegung empfunden. Die Empfindungen der bezeichneten körper¬ 
lichen Vorgänge werden zu Anzeichen der Bewegung bzw. der 
Lage der Glieder im Raume, wenn einmal ein Wissen davon, daß 
sie bei Gelegenheit von Bewegungen entstehen, auf Grund ander¬ 
weitiger Erfahrungen zustande gekommen ist. Diese Erfahrungen 
beruhen normalerweise der Hauptsache nach auf der optischen 
Wahrnehmung der Bewegungen bzw. Lagen, bei welchen die Be¬ 
wegungsempfindungen sich einstellen. 
* Wir dürfen aber auch die Bedeutung der Bewegungsempfin¬ 
dungen als Zeichen der Bewegungen und Lagen nicht überschätzen. 
Ich kann — auf Grund früherer Erfahrungen über die Erfolge meiner 
Bewegungsbemühungen — meinen, ich führe eine Bewegung, die 
ich auszuführen mich bemühe, tatsächlich aus, auch wenn der 
entsprechende Muskel gelähmt ist, also in Wirklichkeit keine Be¬ 
wegung zustande kommt, und demgemäß auch keine Bewegungs¬ 
empfindungen entstehen. Oder ich unterschätze meine Bewegungs¬ 
empfindungen, und damit auch die in der Bewegung durchlaufene 
Raumstrecke. Aus allem dem ergeben sich wiederum bekannte 
Täuschungen1). 
Die kinästhetischen Empfindungen, wie überhaupt alle spezifischen 
Körperempfindungen, d. h. alle Empfindungen, deren Inhalte ins 
Innere des Körpers lokalisiert werden, nennt man auch wohl »Orean- 
empfindungen«. Es treten aber zu den kinästhetischen Empfin¬ 
dungen noch Organempfindungen im engeren Sinne des Wortes. 
Inhalte solcher sind vor allem körperliche Ermüdung, Hunger, Durst, 
Atemnot u. dgl. 
Einige dieser Empfindungen können auch Gemeinempfindungen 
heißen; nämlich diejenigen, die als Empfindungen einer allgemeineren 
körperlichen Zuständlichkeit sich darstellen. Davon sind wohl zu 
*) S. die schon erwähnte Schrift »Psychologische Studien«, Heidelberg 1885, 
S. 23 ff., außerdem die Aufsätze in der Zeitschr. f. Psychol, u. Physiol, d. Sinnesorg. : 
»Die Raumanschauung und die Augenbewegungen«, Bd. III; »Über eine falsche 
Nachbildlokalisation«, Bd. I; »Einige psychologische Streitpunkte«, II, Bd. XXVIII.
        

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