Bauhaus-Universität Weimar

Zergehen des »nackten« Strebens. 
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sich nur, je größer diese Energie ist, um so weniger rasch und 
leicht. — Damit ist doch nicht ausgeschlossen, daß das Streben bei 
neuer Gelegenheit von neuem entsteht. 
* Vor allem aber steht die Ziel Vorstellung in antithetischer Einheits¬ 
beziehung zum gegenwärtigen Sachverhalt, an dessen Stelle das 
Erstrebte, wenn es sich verwirklichte, treten würde. Und dieser 
hat, eben als gegenwärtiger Sachverhalt, ein besonderes Ver¬ 
mögen, sich immer wieder aufzudrängen. So führt die Apperzeption 
des Zieles vor allem leicht zur Apperzeption dieses gegenwärtigen 
Sachverhaltes. Das Streben, das gegen ihn sich kehrt, führt 
wiederum zu ihm hin. Die gestaute Apperzeptionswelle geht über 
den Punkt der Stauung hinaus und macht zugleich, indem sie dies 
tut, den Weg gangbarer und gangbarer. Die durch die Wirkung 
der apperzipierten Zielvorstellung wiederum in Funktion gesetzten 
Einheitsbeziehungen werden eben dadurch zugleich funktionsfähiger. 
D. h. die einmal begonnene Lösung der Stauung vollzieht sich 
rascher und rascher. 
* Endlich führt die Vorstellung des Erstrebten aber auch zu dem, 
was aus der Verwirklichung des Strebens sich ergibt oder ergäbe, 
also zum Erfolg oder den möglichen Folgen: Ich ergehe mich in 
diesen Folgen und entgehe damit dem Streben, freilich wieder um 
so leichter, je mehr das Streben in der vorhin bezeichneten Weise 
in einen bloßen intellektuellen Akt übergeleitet werden kann. 
*Zu alledem ist noch hinzuzufügen: Je öfter ein Streben irgend¬ 
welcher Art, ohne befriedigt zu werden, sich gelöst hat, um so 
leichter löst es sich in Zukunft, und um so eher kann es geschehen, 
daß es sich löst, schon indem es entsteht. D. h. jede Nichterfüllung 
eines Strebens wirkt auf ein nachfolgendes gleichartiges Streben, und 
schließlich auf das Streben überhaupt, lähmend. Jede Erfolglosigkeit 
macht mutlos. Populär gesprochen, wir »gewöhnen« uns daran, auf 
die Erfüllung unserer Wünsche zu verzichten. 
* Umgekehrt steigert aber auch die Erfüllung der Wünsche die 
zukünftigen Wünsche. Erfülltes Begehren macht begehrlich. Es 
steigert das Bewußtsein der Möglichkeit der Erfüllung oder das Ver¬ 
trauen. Und dies ist ja eine Bedingung jedes Strebens.
        

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