Bauhaus-Universität Weimar

Das Perzeptionsstreben. 
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psychischen Lebenszusammenhang der Energie, die sie auf Grund 
des physiologischen Reizes, also eines außerpsychischen Tat¬ 
bestandes, besitzen. Diesem Sachverhalt entspricht das besonders 
geartete Gefühl der Passivität, das wir in unserem Wahrnehmen 
haben, das Gefühl des passiven Erlebens oder »Erfahrens«. 
Dagegen beruht das Auftreten der reproduktiven Vorstellungen, 
der Phantasie- und Erinnerungsvorstellungen, und die Energie dieses 
Auftretens, jederzeit auf zwei Faktoren; nämlich den Assoziationen, 
und der eigenen Energie der Vorstellung. Sofern jenes der Fall 
ist, sofern also die Vorstellungsvorgänge dem Zusammenhang des 
psychischen Lebens entstammen, und der allgemeinen Tendenz der 
Wirksamkeit der Assoziationen ihr Dasein verdanken, besteht ein 
Grund für ein Gefühl der Aktivität: »Ich rufe« die Phantasie¬ 
inhalte »ins Dasein« ; »ich rufe« mir das ehemals Erlebte »in die 
Erinnerung«. Dabei habe ich ein Bewußtsein der Freiheit gegen¬ 
über dem Kommen und Gehen der Vorstellungen oder ein Bewußt¬ 
sein der Macht über dies ihr Kommen und Gehen; das Vorstellen 
erscheint als Ergebnis einer unmittelbar erlebten Vorstellungs- 
t ä t i g k e i t. 
Zugleich liegt doch in dem Bedingtsein des Auftretens der Vor¬ 
stellungen durch ihre eigene Energie auch wiederum ein Grund für 
ein Gefühl der Passivität, gleichartig demjenigen, das ich in meinem 
Wahrnehmen habe. Und dies kann sich steigern, so daß das 
Gesamtgefühl ein Gefühl dieser Passivität wird. Vorstellungen er¬ 
scheinen dann als »freisteigend«, Gedanken erscheinen als »inspiriert«. 
Ist die Energie der Vorstellungen durch eine abnorme Erregbarkeit 
für diese Vorstellungen bedingt, so entstehen die pathologischen 
»Eingebungsvorstellungen«, die dann je nach Umständen als Ein¬ 
gebungen Gottes, oder eines Dämons interpretiert werden, und 
schließlich zum Besessenheitswahn führen. 
Das Gefühl der Aktivität des Vorstellens bezeichnen wir genauer 
als Gefühl der »perzeptiven Freiheit«. Das Gefühl der Passivität 
des Wahrnehmens oder auch des Vorstellens als Gefühl der »per¬ 
zeptiven Gebundenheit«.
        

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