Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Sinnesgenüsse und Kunstgenuss. Beiträge zu einer sensualistischen Kunstwissenschaft
Person:
Lange, Carl
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39700/95/
Die Dichtung. 
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mittel, als Kunst, nicht aufgeben wollte, musste sie nothwendiger Weise 
auf neue Wirkungsmittel sinnen, denn die bisher angewandten hatten 
nicht nur ihre Kraft verloren, sondern sie standen in Gefahr, lächerlich 
zu werden, oder vielmehr man musste auf das alte Mittel, das lange 
vergessene Mittel, das Erwecken künstlerischer Bewunderung zurück¬ 
greifen ; denn wenn das Gefühlsmoment als Hauptfactor fortfiel, blieb 
in der That nichts anderes übrig. 
Aber natürlich war die Sache nicht einfach damit geschehen, dass 
man dem alten Classicismus neues Leben einblies. Die Zeit der 
elassischen Poesie lag noch nicht so fern, diese selbst war noch nicht 
so ganz aus dem Bewusstsein der Menschen entschwunden, dass man 
sie ihnen als etwas ganz Neues, mit der Wirkung von etwas Neuem, 
anbieten könnte. Ausserdem hatte sich ja seit derZeit, als der Classi¬ 
cismus auf seinem Höhepunkt stand, vieles verändert. Wenn die Dicht¬ 
kunst von Neuem gezwungen war, sich desselben Mittels zu bedienen, 
wie der Classicismus, so. musste sie es wenigstens unter einer ganz neuen 
Form thun, man musste eben auf anderen Wegen Bewunderung zu er¬ 
wecken suchen, als auf den bisher betretenen. Die alten Personificationen 
in den längst bekannten Kollisionen, mit den noch nicht vergessenen 
Deklamationen würden vielleicht alle möglichen anderen Empfindungen 
geweckt haben, nur nicht andachtsvolle Bewunderung. Dagegen gewannen 
allmählich die Bestrebungen, die Wirklichkeit, die Personen und ihr 
Milieu mit der grösstmöglichen Genauigkeit und Anschaulichkeit zu 
schildern, die Herzen für sich oder vielmehr die Köpfe, und hieraus 
konnte eine neue Richtung in der Literatur auf keimen: der Realis¬ 
mus, derNaturalismus. Eine ausführliche Wirklichkeitsschilderung 
hatte natürlich für die Romantik kein weiteres Interesse gehabt, ja sie 
wäre hier eher hinderlich gewesen, bot sie doch kein Mittel zu intensiver 
Gefühlsanregung. Im Gegentheil bedienten sich die Romantiker mit 
Vorliebe unnatürlich affectvoller Figuren und eines keineswegs realisti¬ 
schen, oft mystischen und manchmal ganz übernatürlichen Arrangements 
von stimmungsweckenden Situationen und Begebenheiten; und von ihrem 
Standpunkt aus ganz mit Recht. Die Welt war also völlig davon ent¬ 
wöhnt, in der Literatur mit wirklichen Menschen und natürlichen Ver¬ 
hältnissen zu thun zu haben. Die Abwechselung war daher sehr gross und 
um so wirkungsvoller, als der Naturalismus es sich znm Ziel machte, 
uns Welt und Menschen zu zeigeu, wie sie wirklich sind, nicht um zu 
moralisiren, — das hätte sich ja mit der rein objectiven Schilderung 
nicht vereinen lassen, nicht um das Gefühlsleben zu stimuliren, denn 
das geschieht ja, wie wir gesehen haben, am besten, wenn man sich 
aus der Wirklichkeit hinausbegiebt, auch nicht um über Probleme zu 
debattiren, denn das ist überhaupt keine künstlerische Aufgabe, sondern 
als einfache künstlerische Leistung, ohne irgend welchen Nebenzweck,
        

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