Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Sinnesgenüsse und Kunstgenuss. Beiträge zu einer sensualistischen Kunstwissenschaft
Person:
Lange, Carl
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39700/91/
Die Dichtung. 
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gültig war. Es ist wieder der ewig herrschende Drang des Menschen 
nach Abwechselung, der sich auch auf diesem Gebiete geltend macht 
und vielleicht deutlicher als bei irgend einer anderen Kunstgattung; 
vielleicht darum, weil die Dichtung im Ganzen in noch intimeren Be¬ 
ziehungen zu unserem ganzen Geistesleben steht, als die übrigen Künste. 
• Die grossen Epochen der Literaturgeschichte empfangen hierdurch 
ihr Gepräge oder besser gesagt, sie gehen aus diesem Bedürfniss des 
Menschen noch Abwechselung überhaupt hervor. Die Poesie des Classi- 
cismus hatte einen durchaus literarischen Charakter, sie sprach nicht 
zum Gefühl, sie wollte nur Bewunderung erregen. Unser Herz er¬ 
wärmt nur bei dem, was Fleisch von unserem Fleisch ist und Blut von 
unserem Blut, aber nicht Personificationen, Typen gegenüber : ein Cid, 
ein Jakob von Thyboe, ein Tartuffe, ein Mahomet, alle diese Figuren 
sind nicht selbst etwas, sie bedeuten nur etwas, genau wie die alle¬ 
gorischen Figuren der gleichzeitigen bildenden Kunst; sie sind nur 
Sprachrohre, durch die der Verfasser in möglichst geistreicher Weise 
und möglichst gut gewählten Worten alles ausdrückt, was der be¬ 
treffende Charakter in allen möglichen verschiedenen Situationen zu 
sagen haben könnte. Für so etwas können wir aufrichtige Bewunde¬ 
rung fühlen, aber gerührt werden wir davon nicht. Die handelnden 
Personen und ihre Schicksale lassen uns kalt, unser Gemüth bleibt un¬ 
berührt und unsere ganze Aufmerksamkeit ist davon in Anspruch ge¬ 
nommen, zu beobachten, ob die Vaterlandsliebe, Todesverachtung, Gier, 
Hochmuth, Prahlerei, Mutterliebe, oder was die Personen sonst noch 
repräsentiren, auch in solche Situationen und Konflikte gebracht 
werden, die geeignet sind, alle ihre Eigenschaften in helles Licht zu 
setzen, und ob der Dichter seinen Personen auch genügend prägnante 
Worte als Ausdruck ihrer Gefühle in den Mund gelegt hat.1) 
Aber Verständniss und Bewunderung dafür ist natürlich nicht 
Sache des grossen Haufens, dem es an sprachlichen und psychologischen 
Voraussetzungen dafür fehlt. Man darf nicht glauben, dass Molière 
oder Holberg jemals eigentlich populäre Dichter gewesen sind, sowohl 
Holberg’s als Molière’s „Bühne“ waren literarisch höchst verfeinert 
und nüancirt, nicht für das grosse Publikum, das in’s Theater geht, 
C i) Es giebt Keinen, dessen Aeusserungen in dieser Beziehung von so grosser 
Bedeutung sind, als P. Corneille, um so mehr als er zu den Dichtern gehörte, 
die es mit ihren Aufgaben ernst nehmen. In seinem „premier discours du poëme 
dramatique“ heisst es mit Bezug auf die Rolle des Gefühls im Drama: „Cette partie 
— d. h. „les sentiments“, die als obligates Ingrediens gelten, — „a besoin de la 
Rhétorique pour peindre les passions et les troubles de l’esprit, pour consulter, déli¬ 
bérer, exagérer ou extenuer etc.“ Es handelt sich also gar nicht um die natur¬ 
getreue Darstellung von Gefühlen, sondern nur um eine in schöne Worte gesetzte 
Beschreibung und Analyse derselben. 
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