Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Sinnesgenüsse und Kunstgenuss. Beiträge zu einer sensualistischen Kunstwissenschaft
Person:
Lange, Carl
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39700/90/
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Die Dichtung. 
würdigen und bewundern können, denn, ohne selbst Poeten zu sein, 
müssen sich doch viele auf die eine oder andere Weise die Technik der 
Sprache in gewissem Grade aneignen, während es doch für die übrigen 
Künste nur eine ganz kleine Zahl Eingeweihter giebt, die sich auf die 
Technik verstehen. Sehr viele haben schon gelegentlich einmal solchen 
Aufgaben gegenüber gestanden, wie die, mit denen der dichtende 
Künstler sich beständig beschäftigt, z. B. die Schilderung von etwas 
Gesehenem, Erlebtem, sprachliche Darstellung von Gefühlen etc. etc. etc. 
Wir handhaben ja alle dasselbe Material, das der Dichter berufs¬ 
mässig bearbeitet und können uns daher eine Vorstellung davon 
machen, was dazu gehört, es in künstlerischer Weise zu beherrschen. 
Nur wenige besitzen begründete Einsicht in die Schwierigkeiten, die 
damit verknüpft sind* auch nur einen Stein oder eine Kasserole zu 
malen und deshalb können auch nur wenige den Genuss der Bewunde¬ 
rung bei der Wiedergabe solcher an sich interesseloser Dinge empfinden; 
viele dagegen vermögen die Kunst zu schätzen, die in der ganz ein¬ 
fachen schlichten Erzählung einer an sich vielleicht trivialen Begeben¬ 
heit liegt, (mit anderen Worten die Schwierigkeiten, die der Erzähler 
zu überwinden gehabt hat) oder in der Wiedergabe eines alltäglichen 
Dialogs. In solchen Dingen hat ja der Naturalismus zum grossen Theil 
seine Aufgabe und seine Stärke gésucht und er hat auf dem Gebiete 
der Literatur viel mehr Verständniss und ein weit grösseres Publikum 
gefunden, als auf dem weniger zugänglichen Felde der Skulptur — 
wenn auch natürlich in der Literatur sein Publikum, absolut genommen, 
stark begrenzt ist. 
Es sind also Bewunderung und indirecte Gefühlserregung, die sich 
bei dem Genuss, den die Poesie uns verschafft, in die Rollen theilen; 
aber das Verhältnis zwischen diesen zwei Factoren ist ganz verschieden. 
Manchmal wirken sie Seite an Seite. Der Genuss an einem Dichter¬ 
werk beruht dann theils auf der Gefühlserregung, dem Affect, den es 
in uns hervorruft, theils auf der Bewunderung darüber, was der Ver¬ 
fasser alles vermag; das eine Moment wirkt vielleicht stärker bei dem 
Naiveren, Beweglicheren, das andere spielt die Hauptrolle bei dem 
Reflektirenden, literarisch Entwickelten, Verfeinerten. Aber beide können 
zugleich zu dem vollen Eindruck des Werkes beitragen. Auf der andern 
Seite ist es nicht nur ästhetisch, sondern socialpsychologisch von 
grossem Interesse, zu beobachten, wie die Dichtung, — ebenso wie die 
Malerei — sich in verschiedenen Perioden abwechselnd des einen oder 
des anderen dieser zwei Wirkungsmittel: Stimmung und Bewunderung 
vorzugsweise bediente und damit beständig ihren Charakter wechselte, 
—- zù einer Zeit vornehm, artistisch, leidenschaftslos, stimmungsarm 
war, zu andern Zeiten populär wurde, die allen verständliche Sprache 
der Affecte redete und gegen die künstlerische Form ziemlich gleich-
        

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