Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Sinnesgenüsse und Kunstgenuss. Beiträge zu einer sensualistischen Kunstwissenschaft
Person:
Lange, Carl
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39700/66/
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Die Dekoration. 
Genuss. Wenn man nichts anderes hat, auf das man seinen Blick 
lenken kann, als die einfarbige Fläche, keinen Farbeneindruck, um 
damit abzuwechseln, so sieht man nach einiger Zeit gar nicht mehr 
die eigentliche Farbe, sondern ihre Complementärfarbe, was beweist, 
dass die Empfänglichkeit des Auges aufgehört hat, — ausgelöscht ist. 
•Schliesslich hat man gar keinen Farbeneindruck mehr, der Sehnerv 
hat seine Exitabilität für den einförmigen, unveränderlichen Eindruck 
verloren. 
Farbendekorationen wirken also nicht durch Farben schlechthin, 
sondern durch Farbenzusammenstellungen. Es gehören mehrere Farben 
dazu, eine dekorative Wirkung hervorzubringen oder jedenfalls ein Zu¬ 
sammenwirken von farblosen — schwarzen — und farbigen Parthien. 
Aber wenn das Zustandekommen einer Genusswirkung eine Abwechselung 
von Farben oder einzelnen Farbentönen verlangt, so ist damit noch 
nicht gesagt, dass es einzig und allein auf den Reiz der Abwechselung 
ankommt. Dass die Abwechselung an und für sich einen Genuss hervor¬ 
bringen kann, ja dass sie eine unumgängliche Bedingung für jeden 
Genuss ist, wird man hoffentlich nach dem oben Gesagten bereitwillig 
einräumen. Aber es .wäre ja denkbar, dass das Zusammenwirken der 
Farben auch auf andere Art ein Lustgefühl verursachen könnte, und 
die allgemeine Annahme geht auch von dem Gedanken aus, dass dies 
der Fall ist, ja sie legt das Hauptgewicht auf ganz andere Momente, 
als die Abwechselung. 
Wenn man die Frage aufwirft, worauf es denn nun eigentlich 
ankommt, wenn eine Farbenzusammenstellung Genuss bringen, ein 
Lustgefühl erwecken soll, so wird man ohne Zweifel die Antwort kriegen: 
Alles beruht darauf, wie die Farben zu einander stimmen, und wenn 
jemand hierdurch noch nicht völlig aufgeklärt über die Sache ist, 
sondern zu wissen wünscht, was das nun eigentlich bedeutet, dass die 
Farben zusammen stimmen, so wird man ihm erklären, es bedeutet, 
dass sie in harmonischem Verhältniss zu einander stehen; es wird ver¬ 
langt, dass ihre dekorative Anwendung eine Farbenharmonie, unter 
Umständen eine „Farbensymphonie“ hervorbringe. Was darunter zu 
verstehen ist, lässt sich nicht erklären, aber jeder mit einigermaassen 
feinen Sinnen begabte Mensch hat es im Gefühl. Und glücklicherweise 
ist dieses Gefühl, dieser Farbensinn heutzutage weit verbreitet. Welche 
Dame, die Anspruch auf guten Geschmack, würde es auf sich sitzen 
lassen, dass die Farben in ihrem Promenadenkostüm oder in ihrem 
Boudoir „nicht gut zu einander passen!“ Keine Forderung ist zugleich 
elementarer in der guten Gesellschaft und zugleich ein untrüglicheres 
Zeichen von künstlerischem Sinn, den sich heutzutage niemand gern 
absprechen lässt.
        

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