Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Sinnesgenüsse und Kunstgenuss. Beiträge zu einer sensualistischen Kunstwissenschaft
Person:
Lange, Carl
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39700/62/
54 Einleitende Bemerkungen. 
reichten, um ebenso gute, ja an sich vollkommenere Leistungen hervor¬ 
zubringen, als die von uns zur Zeit ihres Aufblühens bewunderten; 
sondern weil das neue zu leicht geworden ist. Wen wird ein 
heiliges Kunstgefühl vor einer Kopie des Parthenonfrieses ergreifen, 
wenn sie auch noch so vollkommen ausgeführt ist? Tintoretto war ein 
schlechter Aesthetiker, wenn er es wirklich für seine Aufgabe erklärt 
hat, Michelangelo’s Formen mit Tizians Farben zu vereinen; die Nach¬ 
welt wäre ihm für solche Versuche nicht besonders dankbar gewesen. 
Das höhnischste Wort, das man von einer Kunstrichtung oder 
einem Kunstwerk sagen kann, ist der recht moderne Ausdruck 
„banal“ ; es sagt garnichts von der Beschaffenheit des so bezeichneten 
Dinges aus; dieses könnte an sich tadellos sein; aber die Bemerkung 
sagt aus, dass man so etwas schon kennt, dass der Künstler zu leicht 
zu seinem Ziele gelangt ist, und dieser Umstand lässt uns für seine sonst 
vielleicht vortrefflichen Leistungen kalt. 
So ist die Kunst der Renaissance banal geworden, wie die Gothik, 
das Rokoko wie die Renaissance ; der Naturalismus welkt dahin, wie die 
Romantik, wie der Classicismus, und wie es bald auch mit dem Sym¬ 
bolismus gehen wird; so entgeht keine Richtung ihrem Schicksal; aber 
es giebt eine schiefe Vorstellung von dem wirklichen Vorgänge, wenn 
es heisst, die eine Richtung wurde von der anderen verdrängt, denn die 
neue Richtung ist nicht besser als ihre Vorgängerin, und Abwechselung 
ist noch nicht Fortschritt. 
Jede Richtung trägt den Keim des Unterganges in sich; sie wird 
nicht tot gemacht, sondern sie verwelkt. 
Natürlich kann es passieren und passiert thatsächlich oft, dass man 
mangels eines ganz Neuen zu alten Formen greift, die schon wieder 
etwas weniger banal erscheinen. Nachdem die dünnbeinigen französischen 
Empire-Möbel mehrere Jahrzehnte lang als Beispiele verderbten Geschmacks 
verbannt waren, sehen wir sie ja jetzt wieder die Herzen erobern, selbst 
in mässigen englischen Nachahmungen u. s. w. 
Solche gespenstischen Existenzen dauern natürlich selten lange ; das 
verhindert schon die Erinnerung an ihre Vorbilder ; sie werden schneller 
banal, als zur Zeit ihrer frischen Originalität. 
Der Horror vor der Banalität ist durchaus berechtigt, denn sie 
schliesst einen wichtigen Factor des Kunstgenusses aus, nämlich die 
Bewunderung. Daher die oft wunderlichen Folgen der Furcht vor der 
Banalität. Da die Banalität am wenigsten die frisch aufstrebenden wenn 
auch manchmal unvollkommenen Kunstrichtungen betroffen hat, so kam 
man — natürlich ganz unbewusst — zu dem wunderlichen Fehlschlüsse, 
man könne ihr heute am sichersten dadurch entgehen, dass man die 
Technik und die Gedanken der Primitiven nachahmte; daher die grosse 
Rolle, welche „Praeraphaeliten“ und „Quattro-“ oder „Cinquecentisten“
        

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