Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Sinnesgenüsse und Kunstgenuss. Beiträge zu einer sensualistischen Kunstwissenschaft
Person:
Lange, Carl
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39700/52/
44 
Die sympathische Gemüthserregung. 
mit den Armen um sich schlägt und wenn man mit Jemand spricht, 
der seine Rede mit lebhaften Gestikulationen begleitet, so kostet es oft 
Selbstbeherrschung, all die Bewegungen nicht nachzuahmen. Ja, wenn 
man sich sehr aufmerksam in Bewegung und Stellung einer Statue ver¬ 
tieft, kann es einem passirèn, dass man sie unwillkürlich nachahmt. 
Alles dies sind nur Kleinigkeiten. Eine wichtige Rolle spielt in¬ 
dessen die unwillkürliche Nachahmung bei Erziehung und Unterricht 
der Kinder, jedenfalls auf den frühen Entwickelungsstufen, ehe man 
ihnen durch gesprochene Worte Kenntnisse bei bringen oder Intentionen 
bei ihnen erwecken kann. Man hat ja in der That kein anderes Mittel, 
einem ganz kleinen Kinde die ersten Fertigkeiten beizubringen, als in¬ 
dem man seinen Nachahmungstrieb benutzt. Hühnerzüchter bringen 
ihren in der Brütmaschine ausgekrochenen Küchelchen das Picken der 
Nahrung bei, indem sie ihnen mit der Fingerspitze die Pickbewegungen 
vormachen; und das kleine Kind lernt „wie gross es ist“, ganz ohne 
zu verstehen, was das bedeutet, indem man die Arme hochhebt und 
diese Bewegung von ihm nachahmen lässt. Das beste Beispiel hierfür 
ist jedoch das Sprechenlernen. Man spricht dem Kinde die Laute vor, 
die man ihm beibringen will, und kraft seines Nachahmungstriebes 
wiederholt es dieselben, ohne dass dabei irgend ein bewusstes Streben 
mitspielte. Später, wenn die Reflexion sich entwickelt hat, ist es dann 
natürlich nicht so leicht, die Rolle der unwillkürlichen Nachahmung in 
Unterricht und Erziehung nachzuweisen. 
Dass die emotionellen Bewegungsphänomene ansteckend wirken, 
darf uns also nicht so sehr verwundern, da diese Ansteckung, diese 
Uebertragung, durchaus kein vereinzelt dastehendes Phänomen, sondern 
im Gegentheil nur der spezielle Fall eines allgemeineren physio¬ 
logischen Gesetzes ist, nach welchem Bewegungen durch blosse Be¬ 
obachtung analoger Bewegungen bei Anderen hervorgerufen werden 
können. 
Nichts desto weniger ist die Sache höchst merkwürdig, oder doch 
mit anderen Worten schwer mit unseren sonstigen nervenphysiologischen 
Vorstellungen zusammenzureimen. Dass der Anblick eines Bewegungs¬ 
phänomens eine vasomotorische Innervation hervorrufen kann, ist an 
sich nicht das Merkwürdige ; das gehört zu den bekannten Aeusserungen 
der Reflexwirkung; jeder Sinneseindruck übt, wie wir gesehen haben, 
gewisse Einflüsse auf den Contraktionsgrad unserer Blutgefässe aus ; 
aber wie es zugeht, dass Gesichts- oder Gehöreindrücke gewisser Be¬ 
wegungsphänomene gerade solche Innervationszustände hervorruft, dass 
ganz dieselben Erscheinungen beim Zuhörer oder Zuschauer auftreten, 
das liegt, meines Erachtens, bis jetzt noch ganz ausserhalb unseres 
Verständnisses, und muss als Thatsache schlechthin aufgefasst werden.
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.