Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Sinnesgenüsse und Kunstgenuss. Beiträge zu einer sensualistischen Kunstwissenschaft
Person:
Lange, Carl
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39700/46/
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Die sympathische Gemüthserregung. 
Bisher war immer nur die Rede von Üeberraschungen, die die 
Dichtkunst mit Hilfe von Sprache und Stil in Anwendung bringt, und 
doch giebt es noch solche von weit kräftigerer Wirkung. Ich meine 
hier die unerwarteten Gedanken, mit denen ein Dichterwort uns über¬ 
raschen kann, das hat, wie man mir bei etwas Ueberlegung leicht zu¬ 
geben wird, nichts mit der Kunst zu thun. Gedanken sind Natur- 
producte und können uns als solche Genuss bereiten, aber keinen Kunst¬ 
genuss ; dieser hängt nicht von den Gedanken selbst, sondern nur von der 
Form ab, in welcher sie uns dargeboten werden. Dagegen werden über¬ 
raschende Begebenheiten und Handlungen sehr häufig und mit viel 
Glück und grosser Wirkung in der Poesie verwandt, — mit um so 
grösserer Wirkung, je ungereimter, vernunftwidriger der Bruch mit 
allem, was man nach den gegebenen Voraussetzungen erwarten durfte, 
ist; diese Wirkung fällt dann in das Gebiet der Farce. 
IV. Die sympathische Gemüthserregung. 
Ich habe im Vorhergehenden schon Öfters auf die in physiologischer 
Beziehung höchst bemerkenswerthe Thatsache hingewiesen, dass man 
von einer Gemüthsbewegung ergriffen, in eine Stimmung versetzt werden 
kann nur dadurch, dass man diese Stimmung bei Andern beobachtet; 
dass man sich mitgrämen kann, wenn man einen recht sorgenvollen 
Menschen sieht, ohne für eigene Rechnung irgend welchen Grund zum 
Kummer zu haben, dass man von Schrecken ergriffen wird, bloss durch 
Zusammensein mit einem Menschen, der Furcht und Schrecken empfindet, 
u. s.' w. Indessen haben wir alle Ursache, diesen Verhältnissen etwas 
näher auf den Grund zu kommen, da sie in der Psychologie der Ge¬ 
mütsbewegungen von ausserordentlicher Bedeutung sind, und beim Ge¬ 
nuss, speciell beim Kunstgenuss, eine hervorragende Rolle spielen, — 
ganz zu schweigen von der Wichtigkeit derselben für die Beziehungen 
von Mensch zu Mensch, als geistiges Vereinigungsband zwischen ihnen; 
aber die letztere Seite der Sache gehört ja nicht hierher. 
Diese Fähigkeit, von einer Stimmung zur anderen überzugehen, 
diese Uebertragbarkeit der Gemüthsbewegungen bildet das psychische 
Phänomen, das von Alters her mit dem Worte Sympathie (sympathische 
Gefühlserregung) bezeichnet worden ist. Dieser, seiner Zeit wunderbar 
treffende, präcise Ausdruck, dessen Bedeutung jedoch im Lauf der Zeit 
bald eingeschränkt, bald erweitert worden ist, ist heute bereits so un-
        

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