Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Sinnesgenüsse und Kunstgenuss. Beiträge zu einer sensualistischen Kunstwissenschaft
Person:
Lange, Carl
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39700/39/
Die Abwechselung als Genussmittel. 
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Schliesslich kann nun noch mit der Art und Form der Eindrücke 
abgewechselt werden, zugleich mit der Dauer der Zwischenräume und 
Eindrücke seihst, also z. B. : 
oder : '—'-----w--w--w--usw. usw. 
Rhytmen der allerelementarsten Form können so nicht allein 
auf die mannigfaltigste Art combinirt, sondern auch bis ins Un¬ 
endliche variirt werden, durch Farben und Formen, Laute und Töne, 
Man kann leicht sehen, dass sich auf diese Weise bei einer ganz ein¬ 
fachen ornamentalen Ausschmückung oder kunstlosen Melodie eine zahl¬ 
lose Menge von Abwechselungen hervorbringen lassen. Wenn man 
nur eine ganz einfache mäandrische Verschlingung von Linien darauf¬ 
hin ansieht, was für rhytmische Abwechselung sie enthält, wird man 
bald entdecken, dass er vor einer Riesenarbeit steht. Aber unser Auge 
nimmt sie auf und wir empfinden dabei einen Genuss, obschon wir uns 
über die Wirkung der Einzelheiten keine Rechenschaft geben. 
Worin liegt denn nun die Macht der rhytmischen Abwechselung 
oder Wiederholung ? Diese Frage kaim Niemand mit voller Bestimmtheit 
beantworten. Indessen kommt es mir doch vor, als liesse sich folgendes 
Raisonnement anstellen: Was ist in physiologischer Beziehung der Unter¬ 
schied zwischen regelmässiger und regelloser Abwechselung? Doch 
wohl hauptsächlich der, dass bei der regelmässigen Abwechselung in 
jedem Zwischenraum zwischen den Eindrücken ein Zustand der Er¬ 
wartung eintritt, — darauf sogleich eine Erfüllung dieser Erwartung, — 
und wieder eine Erwartung, wieder eine Erfüllung, — wovon natürlich 
bei rein zufälliger, regelloser Abwechselung keine Rede sein kann. 
Jedermann weiss z. B., wie man beim Lesen griechischer Distichen 
jedesmal beim Schluss des Hexameters in angenehmer, bestimmter Er¬ 
wartung des Pentameters sich befindet. Jede Erwartung ist nun mit 
Spannung identisch: der Reiz des Rhytmus besteht also in beständig 
wiederkehrender Spannung mit darauf folgender Lösung, und die grosse 
Bedeutung der Spannung als Lustgefühl habe ich ja schon früher 
erörtert. 
Nun könnte man allerdings gegen diese einfache Erklärung des 
Rhytmus als Genussmittel einwenden, dass, wenn es sich hier in der 
That nur um die durch Wiederholung geweckte Erwartung und Spannung 
handelt, man auch durch rhytmische Reizungen der niederen Sinnes¬ 
organe einen Genuss hervorzubringen im Stande sein müsste, was faktisch 
nicht der Fall ist. Das rhytmische Lustgefühl wird nur durch Auge 
und Ohr, in ganz minimalem Grade durch das Hautgefühl und absolut 
gar nicht durch Geruch und Geschmack hervorgerufen, obschon man
        

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