Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Sinnesgenüsse und Kunstgenuss. Beiträge zu einer sensualistischen Kunstwissenschaft
Person:
Lange, Carl
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39700/16/
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Die Affßcte als Genussmittel. 
um sich Genuss zu verschaffen, und sie sind wohl auch die natürlichsten, 
harmlosesten und soweit nützlichsten, als man sie immer und überall 
haben kann. Schon die Kinder suchen bei ihrem Hüpfen und Springen 
einen Rhytmus; bei allen Naturvölkern äussert sich das Verlangen 
nach Genuss instinctiv zuerst im Tanz; „wenn der Mond scheint, tanzt 
ganz Afrika“, und am Nordpol wiederholt sich das bei den Eskimo. 
Die Cultur hat daran wenig geändert, und die zahllosen Nationaltänze 
zeigen, welche Rolle der Tanz im Leben der Völker gespielt hat und 
noch spielt. Der Tanz hat, mit dem Kampf verglichen, den grossen 
Vorzug der relativen Unschädlichkeit. 
Der gewöhnliche Zweck beim Tanze ist, eine frohe Stimmung bei 
den Tänzern hervorzurufen; das geschieht vermittels der Erweiterung 
der Blutgefässe und einer sich aus dieser ergebenden gesteigerten Inner¬ 
vation der willkürlichen Musculatur. Der Tanz kann aber auch, wie 
die Kriegstänze zeigen, eine der Freude verwandte Affectform, die 
Raserei, hervorrufen. 
Die religiöse Bedeutung des Tanzes beruht auf der in ihm ein¬ 
tretenden ekstatischen Stimmung. 
II. Die Affecte als Genussmittel. 
Es soll nun unsere Aufgabe sein, näher darzulegen, auf welche 
Weise die verschiedenen Arten von Genussmitteln physiologisch auf uns 
einwirken, oder mit andern Worten uns Genuss verschaffen; dieses 
Thema ist so gross und mannigfaltig, dass hier nur von einer Behand¬ 
lung seiner elementarsten Grundzüge die Rede sein kann. 
Wenn es überhaupt eine Definition des Genusses giebt, so giebt 
es in jedem Falle keine allgemein angenommene oder allgemein gültige. 
In der Regel aber findet man es nicht der Mühe werth, Begriffe dieser 
Art zu definiren. Ein Begrifl, der allein auf subjectiven Wahrnehmungen 
beruht, entzieht sich jeder wissenschaftlichen Behandlung, denn zu einer 
solchen sind durchaus objective Merkmale erforderlich, die von Allen 
gewürdigt und discutirt werden können. 
Nun könnte der Gedanke naheliegen, dass der Genuss durch seine 
Ursachen zu definiren wäre, dass' man also von den Genussmitteln seinen 
Ausgangspunkt nehmen und sagen könnte: die Wirkung, den Geistes¬ 
zustand, der bei mir durch bestimmte Potenzen — Musik, Poesie, Wein etc. — 
hervorgerufen wird, fasse ich unter der Bezeichnung „Genuss“ zusammen.
        

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