Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Über die Wahrnehmung des Raumes. Eine experimentell-psychologische Untersuchung nebst Anwendung auf Ästhetik und Erkenntnistheorie
Person:
Jaensch, E.R.
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39699/83/
Erstes Kapitel. Experim. Ermittlung d. Fwnktion d. Querdisparation. 69 
Kaumwerte die Tatsache zu erklären, dafs der Tiefeneindruck 
m • 
bei Änderung der Akkommodation, sowie bei symmetrischen und 
t« 
asymmetrischen Änderungen der Konvergenz, eine Umkehr des 
Sinnes erfahren kann. Die Theorie der Raumwerte kann von 
diesen Erscheinungen nicht allein keine Rechenschaft geben, 
sondern sie ist mit ihnen sogar unverträglich; denn bei allen 
diesen Variationen der Versuchsbedingungen kam es niemals zu 
anderen Veränderungen der Netzhautbilder als zu solchen, die 
■ • 
man sich durch den Übergang der Fixation von V auf af (bzw. 
von a‘ auf b‘) oder durch Gröfsenänderung des Abstandes (a-b) 
erzeugt denken kann ; das Lageverhältnis der gereizten Netzhaut¬ 
stellen bleibt also bei allen jenen Variationen der Versuchs¬ 
bedingungen ein solches, dafs man einen Tiefeneindruck vom 
selben Sinne wie bei dem ursprünglichen PANUMschen Versuch 
zu erwarten hätte. 
Ferner ist nach der Theorie der Raumwerte unverständlich, 
weshalb die Erscheinung des Vornstehens gerade im Moment 
der Wanderung des Blickes die gröfste Deutlichkeit besitzt. Den 
Tiefeneindruck, der bei Fixation von V entsteht, führt die in 
Rede stehende Deutung darauf zurück, dafs a auf eine Netzhaut¬ 
stelle n von positivem Tiefenwerte fällt. Nun ist aber gerade 
der Tiefeneindruck während desjenigen Momentes der Beobach¬ 
tungszeit besonders deutlich, während dessen die Netzhautstelle n 
nicht gereizt wird. Es erscheint daher, wofern man vor 
komplizierten Hilfshypothesen zurückscheut, nicht gut angängig, 
den Tiefeneindruck auf einen der Netzhautstelle n angeblich ad- 
härierenden Tiefenwert zurückzuführen. 
Des weiteren erscheint die in Rede stehende Deutung schwer 
verträglich mit der Tatsache, dafs nach den Untersuchungen von 
Erdmann undDonon1 und denjenigen von Holt2 während einer 
Blickbewegung „zentrale Anästhesie“ für die Netzhauteindrücke 
besteht. Wenn während der Blickbewegung zentrale Anästhesie 
für die Netzhauteindrücke besteht, und wenn andererseits der 
Tiefeneindruck gerade in dem Moment der Blickbewegung be- 
sonders deutlich ist, so erscheint es doch bedenklich, den Tiefen¬ 
eindruck auf angebliche Tiefenwerte der Netzhautstellen, also auf 
Netzhauteindrücke, zurückzuführen. 
1 Psychologische Untersuchungen üb. d. Lesen. Ralle 1898. 
2 The Psychol. Rev., Monogr. Suppl., Harvard Psychol. Stud., Vol. I, 
S. 3. 1903.
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.