Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Über die Wahrnehmung des Raumes. Eine experimentell-psychologische Untersuchung nebst Anwendung auf Ästhetik und Erkenntnistheorie
Person:
Jaensch, E.R.
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39699/58/
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I» 
Erster Abschnitt. über das Wesen der Tiefenwahrnehmung. 
Falle der Fixation des Mittelstabes qualitativ gleichartig mit den 
an den Fäden zu beobachtenden Phänomenen ; doch ist die sinn¬ 
liche Deutlichkeit und der quantitative Betrag des Hervortretena 
bei den Stäben geringer. Im Falle des wandernden Blickes ist 
* • 
bei Verwendung der Stäbe eine Änderung der räumlichen Kon¬ 
figuration überhaupt nicht zu bemerken. 
Vp. Herr stud. phil. Gaede zeigt insofern ein irreguläres Ver¬ 
halten, als bei ihm im Falle der gewöhnlichen Betrachtung die 
Erscheinung der Horopterabweichung überhaupt niemals zu kon¬ 
statieren ist; wurde der Abstand des Beobachters von der Ver¬ 
suchsanordnung zwischen den Werten 15 und 150 cm variiert, so 
erschienen die Fäden immer in einer Ebene. Bei Abdeckung 
eines Seitenfadens tritt eine Änderung der räumlichen Konfigura- 
tion nicht ein. Da die Vp. schon bei gewöhnlicher Betrachtungs¬ 
weise ein von der Norm abweichendes Verhalten zeigt, so können 
die Sätze, zu denen wir auf Grund der mit den anderen Vpn. 
angestellten Beobachtungen gelangen, nicht als durchbrochen 
gelten. 
Wir fassen jetzt die erhaltenen Ergebnisse zusammen. Werden 
B in einer Ebene ausgespannte Fäden das eine Mal in gewöhn¬ 
licher Weise, das andere Mal unter Umständen beobachtet, welche 
bewirken, dafs sich der eine Seitenfaden nur in einem Auge ab¬ 
bildet, so tritt eine paradoxe Erscheinung auf. Dafs der abge¬ 
deckte Faden seinen Ort im Raume verändert, erscheint begreif¬ 
lich; denn mit ihm wird ja tatsächlich eine Veränderung vorge¬ 
nommen. Da der betreffende Seitenfaden nach der Abdeckung 
weniger schwarz, also auch weniger eindringlich ist als bei ge¬ 
wöhnlicher Betrachtung, und da, wie wir im weiteren Verlaufe 
unserer Untersuchung noch sehen werden, das Eindringlichere eine 
Neigung zum Hervortreten, das weniger Eindringliche eine Neigung 
zum Zurücktreten zeigt, so wäre es vielleicht schon hieraus verständ¬ 
lich,1 dafs die Tiefendifferenz zwischen dem Mittelfaden und dem 
1 Völlig befriedigend freilich ist diese Erklärung nicht, denn das Zu¬ 
rücktreten des abgedeckten Fadens erfolgt in quantitativ viel ausgeprägterer 
Weise und weit konstanter, als das — für mich wenigstens — bei der ge¬ 
wöhnlichen Betrachtung verschiedenfarbiger und verschieden eindringlicher 
Objekte der Fall zu sein scheint. Wahrscheinlich ist ein Objekt, welches 
sich nur in einem Auge abbildet, nicht nur wegen seiner abgeschwächten 
Färbung, sondern auch wegen dieser besonderen Art der Abbildung, welche 
das Objekt in beträchtlichem Mafse dem Wettstreit aussetzt, erheblich
        

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