Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Über die Wahrnehmung des Raumes. Eine experimentell-psychologische Untersuchung nebst Anwendung auf Ästhetik und Erkenntnistheorie
Person:
Jaensch, E.R.
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39699/486/
472 Zweiter Abschnitt. Scheinbare Gröfse u. psychologische Grundlagen usiv. 
Phänomens konnten wir es wahrscheinlich machen, dafs bei Kon¬ 
vergenz und Aufmerksamkeitsrichtung für die Nähe fortwährend 
Divergenzimpulse bzw. Äufmerksamkeitswanderungen in die Feme 
Vorkommen, dafs also, während der Blick in die Nähe gerichtet 
ist, Jane Tendenz besteht, ihn in gröfsere Entfernung zu richten. 
Auf Grund der Analyse des KosxEitschen Phänomens ist dieses 
Verhalten auch verständlich; denn es ergab sich, dafs Richtung 
der Aufmerksamkeit in die Nähe und Erhöhung der Aufmerk¬ 
samkeitskonzentration , Richtung der Aufmerksamkeit in die 
Ferne und Verminderung der Aufmerksamkeitskonzentration kon- 
grediente Erscheinungen sind. Weil, während die Aufmerksam¬ 
keit in die Nähe gerichtet ist, fortwährend gleichzeitig eine Ten¬ 
denz besteht, die Aufmerksamkeit in die Ferne zu richten und 
sie damit zu entspannen, darum geht von einer Oberfläche eine 
Hemmung auf Willensimpulse auch dann aus, wenn man mit 
der Aufmerksamkeit nicht in der Richtung auf die Oberfläche 
zu, sondern längs der Oberfläche wandert. 
Wenn Dilthey angibt, dafs uns bei der Fahrt im Eisen¬ 
bahnwagen fremde Gegenstände mit einem niedrigen Realitäts¬ 
grad ausgestattet erscheinen und „wie Kulissen an uns vorüber¬ 
ziehen“, so ist das eine Beobachtung, die ich bestätigen kann. 
Auf Grund meiner eigenen Beobachtungen, über die ich mir auf 
Eisenbahnfahrten bereits vor der Kenntnis der DiLTHEYschen Ab¬ 
handlung Notizen gemacht hatte, möchte ich hinzufügen, dafs 
relativ ferne Objekte, die so langsam vorüberziehen, dafs man 
sie mit dem Blick ruhig und bequem überstreichen kann, eine 
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solche Änderung ihrer Erscheinungsweise nicht erfahren. Wenn 
also die näheren Objekte „kulissenhaft“ erscheinen, so scheint 
die Verminderung der Sinnfälligkeit der Realität auf der kurzen 
Dauer ihrer Sichtbarkeit zu beruhen. 
Diese Vermutung bestätigt sich, wenn man Objekte tachisto- 
kospisch exponiert. Wiederum bevor ich die DiLTHEYsche Ab¬ 
handlung kannte, hatte ich in mein Notizheft folgende oft wieder¬ 
holte Beobachtung eingetragen: „Wenn ich die Glühlampe im 
„Dunkeln für einen kurzen Moment auf blitzen lasse, indem ich 
„den Riegel (durch dessen Drehung der Strom geschlossen und 
„geöffnet wird) in rascher Bewegung soweit herumdrehe, dafs der 
„Strom geschlossen und sogleich darauf wieder geöffnet wird, so 
„sehe ich die Möbelstücke in meinem Zimmer ganz deutlich. 
„Trotzdem erscheinen sie ganz verändert, nämlich merkwürdig
        

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