Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Über die Wahrnehmung des Raumes. Eine experimentell-psychologische Untersuchung nebst Anwendung auf Ästhetik und Erkenntnistheorie
Person:
Jaensch, E.R.
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39699/470/
456 Zweiter Abschnitt. Scheinbare Gröfse u. psychologische Grundlagen usw. 
der Raumlage auch beim Erkennen von Formen. Von einem 
Kinde heifst es z. B. : „Er beschaut mit grofser Freude Bilder, 
„und dabei macht es ihm nicht viel aus, die Bilder verkehrt zu 
„sehen; er ruft ein umgekehrtes Pferd ebenso „grgr“ wie ein 
richtig gesehenes.“ Ein anderes Kind liest Spiegelschrift genau 
so schnell wie rechtsläufige Schrift. 
Bei der Erklärung der Erscheinung der verlagerten Raum¬ 
formen müssen wir von den rudimentären Fällen von verlagerten 
Raumformen ausgehen, welche sich auch noch beim Erwachsenen 
finden. Halte ich eine Zeichnung schräg und vertiefe ich mich 
mit der Aufmerksamkeit ganz in den Inhalt der Zeichnung, in¬ 
dem ich meine Aufmerksamkeit von der Umgebung ablenke, so 
fällt der Eindruck, dafs sich die Zeichnung in einer abnormen 
Lage befindet, nicht selten dauernd, zum mindesten aber in den 
Momenten scharfer Aufmerksamkeitskonzentration auf den Inhalt 
des Bildes hinweg. Ich sehe die Zeichnung dann ebenso, wie 
wenn sie sich in normaler Lage befände. Einer meiner Hörer, 
der sich viel mit astronomischen Beobachtungen beschäftigt, er¬ 
zählt mir, er habe beim Blick in ein umkehrendes Fernrohr 
meist gar nicht den Eindruck, die Dinge verkehrt zu sehen. 
Eine wichtige Handhabe zur Erklärung der verlagerten 
Raumformen liefert uns besonders das Kovariantenphänomen ; 
denn erstens ist dieses Phänomen eine verlagerte Raumform, 
welche sich auch beim Erwachsenen zeigt, und zweitens konnte 
dieses Phänomen im Zusammenhänge unserer Untersuchung auf¬ 
geklärt werden. Wenn sich der Anblick eines Fadenprismas 
beim Zurückschieben eines Seitenfadens so darstellt, als ob 
das Objekt nicht von dem tatsächlichen Standort o1, sondern 
von dem Standort o2 aus betrachtet würde (vgl. Fig. 2 auf 
S. 33), so zeigt sich hier eine ganz ähnliche Indifferenz 
gegenüber der Raumlage. Diese Indifferenz hatte ihren Grund 
darin, dafs erstens die Tiefenwerte Strecken, scheinbare Gröfsen 
sind, die von einer bestimmten Koordinatenebene aus gerechnet 
werden, und dafs zweitens diese Koordinatenebene beim Er¬ 
wachsenen zwar in der Regel die Kernfläche (K) ist, aber auch 
durch eine innerhalb der Figur selbst gelegene Ebenem 
repräsentiert sein kann. Die Strecken in der Figur werden also 
gar nicht immer von einer fest mit dem Körper des Be¬ 
obachtenden verbundenen Ebene K (der Kernfläche) aus, sondern
        

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