Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Über die Wahrnehmung des Raumes. Eine experimentell-psychologische Untersuchung nebst Anwendung auf Ästhetik und Erkenntnistheorie
Person:
Jaensch, E.R.
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39699/453/
Zweites Kapitel. Anwendung der vorstehenden Untersuchung usw. 439 
der inneren und der äufseren Streckenhälfte nicht in gleicher Weise ver¬ 
hält. Bestimmtere Aufschlüsse könnten natürlich nur durch besondere 
Untersuchungen erbracht werden. 
Da ich seit einer langen Reihe von Jahren immer nur für 
kurze Zeit in meine Vaterstadt komme, so ereignet sich nicht 
selten der Fall, dafs ich zum erstenmal seit langer Zeit eines 
Objektes wieder ansichtig werde, welches zu den Gegen¬ 
ständen gehört, die mich in meiner Knabenzeit und frühen 
Jugend umgaben. Jedesmal wenn dieser Fall eintritt, setzt 
es mich, vorausgesetzt dafs ich an den betreffenden Gegen¬ 
stand noch eine deutliche Erinnerung besitze, in Erstaunen, 
wie viel kleiner mir der Gegenstand jetzt erscheint als damals 
— gleichgültig ob es sich um Bücher, Spielsachen, Bauten oder 
andere Objekte handelt. Herr Prof. Baeumker hat Ähnliches 
bemerkt. 
Die erwähnte Beobachtung kann ich keineswegs nur in 
solchen Fällen machen, in denen der betreffende Gegenstand in 
ganz früher Kindheit zum letzten Male gesehen wurde; von 
ganz besonders überraschender Deutlichkeit war das Phänomen 
in einem Falle, in dem ich eines Buches wieder ansichtig wurde, 
welches ich zum letzten Male im Alter von 16 1/2 Jahren benutzt 
hatte. 
Zunächst wird man wohl versuchen diese Tatsache in 
folgender Weise zu erklären. Je älter man wird, um so mehr 
Exemplare einer bestimmten Gattung von Dingen bekommt man 
im allgemeinen zu Gesicht. Unter diesen später gesehenen Ob¬ 
jekten befinden sich dann im allgemeinen auch solche, die gröfser 
sind als die gröfsten Objekte der betreffenden Gattung, die uns 
in früher Jugend zu Gesicht kamen. Ein Mann hat im all¬ 
gemeinen schon gröfsere Bücher und höhere Gebäude gesehen 
als ein Knabe desselben Lebenskreises. Der Mann hat also 
andere Vergleichsmafsstäbe wie der Knabe. Die höchsten Ge¬ 
bäude, welche dem Knaben Vorkommen, erscheinen dem Manne, 
verglichen mit den noch höheren, welche er inzwischen gesehen 
hat, klein. 
Wie plausibel auch diese Deutung auf den ersten Blick er¬ 
scheinen mag, so kann ich mich doch nicht dazu entschliefsen, 
sie für ausreichend zu halten. Schon für den Fall der Häuser 
erscheint mir jene Deutung unbefriedigend. Ich entstamme einer
        

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