Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Über die Wahrnehmung des Raumes. Eine experimentell-psychologische Untersuchung nebst Anwendung auf Ästhetik und Erkenntnistheorie
Person:
Jaensch, E.R.
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39699/441/
Erstes Kapitel. Neue Untersuchungen über das Kostersche Phänomen. 427 
sischem bestünde, wird von Zeit zu Zeit folgendes prinzipielles 
Bedenken geltend gemacht.1 
Man befindet sich in einem Zimmer, in dem eine Uhr 
schlägt. Im allgemeinen hört man die Schläge, zuweilen aber 
auch nicht. Eine Wirkung des Schalles auf die Ohren, und 
damit auf das Nervensystem, hat dabei unzweifelhaft statt¬ 
gefunden. Nach der Hypothese vom durchgängigen Parallelismus 
ist der physiologische Vorgang, der sich hierbei im Zentral¬ 
nervensystem abspielt, wenngleich er zu keiner bewufsten Emp¬ 
findung Anlafs gibt, doch von einem unbewufsten psychischen 
Geschehen begleitet. — Demgegenüber weisen die Gegner der 
Lehre vom durchgängigen Parallelismus darauf hin, dafs die 
Aufstellung einer Hypothese, die einer Erfahrungsbestätigung 
prinzipiell unzugänglich sei, den methodologischen Grundmaximen 
wissenschaftlichen Denkens zuwiderlaufe. Eine Erfahrungs¬ 
bestätigung der Hypothese komme aber darum nicht in Betracht, 
weil die unbewufsten Empfindungen und Vorstellungen jedenfalls 
nichts Erfahrbares seien. Die Untersuchungen von Haberlandt, 
Pfeffer und anderen Botanikern über die Sinnesorgane der 
Pflanzen haben jene alte Kontroverse gerade in jüngster Zeit 
Wiederaufleben lassen. 
Nun wäre aber trotz jenes Einwandes dennoch eine Art von 
empirischen Nachweises, dafs es unbewufste seelische Vorgänge 
geben kann, denkbar. Setzen wir den Fall, dafs die Deutlichkeit 
oder Ausgeprägtheit einer Empfindung nicht als eine unabtrenn¬ 
bare Qualität dieser Empfindung, nicht als wesentlich mit der 
Empfindung verknüpft gegeben sei, sondern dafs die Deutlichkeit 
und Ausgeprägtheit der Empfindungen ein abtrennbares, von 
den sonstigen Eigenschaften der Empfindungen unterscheidbares 
Element darstellt, so dafs ein- und dieselbe Empfindung — z. B. 
eine nach Qualität, Helligkeit und Sättigung bestimmte Licht¬ 
empfindung — in ganz verschiedenen Graden der Ausprägung 
Vorkommen kann ! Ist die Deutlichkeit und Ausgeprägtheit einer 
Empfindung eine unabhängig Variable, kann sie verschieden 
hohe Werte annehmen, während die Empfindungen in allen 
sonstigen wesentlichen Hinsichten unverändert bleiben, so müfste 
es zum mindesten als eine willkürliche und durch nichts gerecht- 
1 Ausdrücklich sei betont, dafs die erkenntnistheoretischen Fragen, 
die mit dem Problem Zusammenhängen, hier gänzlich unberührt bleiben.
        

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