Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Über die Wahrnehmung des Raumes. Eine experimentell-psychologische Untersuchung nebst Anwendung auf Ästhetik und Erkenntnistheorie
Person:
Jaensch, E.R.
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39699/436/
422 Zweiter Abschnitt. Scheinbare Gröfse u. psychologische Grundlagen usw. 
Fixierpunkt, an den es normalerweise geknüpft ist, losgelöst und 
an den Ort des peripher gesehenen Objektes verlegt wird, so 
wird das letztere, wie wir a. a. 0. zeigten, deutlicher. 
Dürften wir nun annehmen, dafs der Umfang der Aufmerk¬ 
samkeit nicht nur in den beiden ersten Dimensionen sondern 
auch in der dritten Dimension beschränkt ist1, so wäre die Er¬ 
scheinung, deren Erklärung uns gegenwärtig beschäftigt, voll¬ 
kommen verständlich. Das weniger Eindringliche wird deutlicher 
und eindringlicher, wenn es sich dem jeweiligen Aufmerksam¬ 
keitszentrum nähert. So war es in den beiden ersten Dimensionen, 
und so verhält es sich, wie wir auf Grund der in Rede stehenden 
Erscheinungen zu schliefsen haben, auch in der dritten Dimen¬ 
sion. Die Tiefendimension schrumpft bei der Beobachtung mit 
verkehrter Kopfhaltung zusammen und wird gleichzeitig weniger 
zwingend und sinnfällig. 
Nun wird man vielleicht nach Analogie der Erscheinungen 
in den ersten beiden Dimensionen zunächst erwarten, dafs von 
der Eindringlichkeitsänderung nicht alle Objekte betroffen werden, 
sondern nur diejenigen, welche sich aufserhalb des Aufmerksam- 
keitszentrum befinden. Hierauf ist zu erwidern, dafs das natür¬ 
liche Aufmerksamkeitszentrum beim Tiefensehen zwar im allge¬ 
meinen vorwiegend dem Vordergrunde zugewandt ist, dafs aber 
die Verknüpfung von Aufmerksamkeitszentrum und Vordergrund 
bei weitem keine so feste ist, wie diejenige zwischen Aufmerk- 
samkeitsZentrum und Fovea. Wenn sich die Aufmerksamkeit 
vom Vordergründe loslöst, kann auch dieser an die Grenze des 
Aufmerksamkeitsfeldes in der dritten Dimension rücken. Schon 
im IV. Erg.-Bande wurde auf S. 115 darauf hingewiesen, dafs, 
wenn wir einen Komplex von Objekten gleichzeitig zu über¬ 
schauen glauben, hier möglicherweise schon eine Sukzession 
von Vorgängen vorliegt. Dafs das gleichzeitige Sehen eines seit¬ 
lichen Gegenstandes mit dem fixierten Gegenstände im allge- 
1 Wir reden wieder ohne jede Voreingenommenheit hinsichtlich des 
Kausalverhältnisses. Die einzige Ausdrucksweise, welche in jener Hin¬ 
sicht keine Voreingenommenheit verrät, ist aufserordentlich schleppend. 
Es sei darum anmerkungsweise darauf hingewiesen, dafs nur der funk¬ 
tionelle Zusammenhang zwischen dem scheinbaren Abstand des Be¬ 
obachtungsobjektes vom Aufmerksamkeitszentrum einerseits und der Deut¬ 
lichkeit und Eindringlichkeit des Beobachtungsobjektes andererseits wirk¬ 
lich gegeben ist.
        

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