Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Über die Wahrnehmung des Raumes. Eine experimentell-psychologische Untersuchung nebst Anwendung auf Ästhetik und Erkenntnistheorie
Person:
Jaensch, E.R.
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39699/430/
416 Zweiter Abschnitt. Scheinbare GrÖfse u. psychologische Grundlagen usw. 
tatsächlich, innerhalb gewisser Grenzen wenigstens, diejenigen 
Farben, die wir den Objekten auf Grund unseres Wissens zu¬ 
schreiben. — Wir glaubten uns eine etwas gröfsere Ausführlichkeit 
erlauben zu dürfen, weil wir uns den Inhalt der konkurrierenden 
Hypothesen ganz klar machen müssen, bevor wir daran gehen 
können, sie auf ihre Richtigkeit hin zu prüfen. 
Nach den Darlegungen von Helmholtz erscheint es durchaus 
verständlich, dafs bei verkehrter Kopfhaltung eine Reihe von 
neuen Farbentönen und Helligkeitsuntersehieden in das Land¬ 
schaftsbild eintritt, dafs die Zahl der unterschiedenen Quali¬ 
täten und Intensitäten gegenüber dem Falle gewöhnlicher Be¬ 
trachtung eine gröfsere wird. Die Gedächtnisfarben bewirken, 
wie das Helmholtz in zutreffender Weise schildert, eine Ver¬ 
einfachung des Bildes. Weil wir wissen, dafs die Wiese grün 
ist, weil wir ihr die „Eigenfarbe“ Grün als konstantes Attribut 
zuschreiben, darum sehen wir von den mannigfachen anderen 
darin enthaltenen Farbentönen ab; wir sehen sie z. T. über¬ 
haupt nicht. Weil wir wissen, dafs eine getünchte Wand, die 
vom Fenster aus nach dem Hintergründe des Zimmers läuft, 
allenthalben gleich gefärbt ist, darum unterschätzen wir die 
Unterschiede, welche hinsichtlich der Helligkeit zwischen den 
einzelnen Partien der Wand bestehen. — 
In fruchtbarer Weise werden wir die theoretischen An¬ 
sichten erst dann diskutieren können, wenn wir vorerst die me¬ 
thodische Forderung beherzigen, welche uns vom Beginn unserer 
Untersuchung an gewissermafsen als Leitmotiv vorschwebt, und 
die von uns verlangt, auch scheinbar einfache Versuche immer 
von neuem zu wiederholen, erst die Phänomene möglichst ein¬ 
gehend zu beschreiben, bevor wTir an die Deutung derselben 
her an treten. 
Nach zahlreichen eigenen und mit anderen Vpn. vorgenom¬ 
menen Beobachtungen, die zu den verschiedensten Zeiten und 
an den verschiedensten Orten erfolgten, mufs ich allerdings zu¬ 
geben, dafs die Zahl der unterschiedenen Qualitäten und Hellig¬ 
keiten bei Beobachtung mit verkehrter Kopfhaltung zuweilen 
gröfser zu sein scheint, dafs die Mannigfaltigkeit von Nüancen, 
der Reichtum an Einzelheiten, nicht selten zunimmt. Sicher 
aber ist das nicht die auffallendste und konstanteste Verände¬ 
rung. Die auffallendste und konstanteste Veränderung besteht 
nicht in dieser Zunahme der Zahl der unterschiedenen Einzel-
        

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