Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Über die Wahrnehmung des Raumes. Eine experimentell-psychologische Untersuchung nebst Anwendung auf Ästhetik und Erkenntnistheorie
Person:
Jaensch, E.R.
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39699/425/
Erstes Kapitel. Neue Untersuchungen über das Kostersche Phänomen. 411 
scheinung der vortretenden Farben verantwortlich macht, ver¬ 
mochten wir keine wesentliche Bedeutung beizumessen. Aber 
auch die von Brücke hinzugefügte Annahme, dafs den Er¬ 
fahrungen über die Beschattungsverhältnisse beim Zustande¬ 
kommen des Phänomens eine mitwirkende Rolle zukomme, dürfte 
der Begründung entbehren. Erstens wird diese Annahme jetzt 
überflüssig; Brücke mufste sie nur darum einführen, weil sich 
die Fälle von Hervortreten bei reinen Intensitätsunterschieden 
aus seiner Theorie nicht ableiten liefsen. Zweitens stimmen die 
Konsequenzen, welche sich aus der in Rede stehenden Annahme 
ergeben, mit den Tatsachen nicht überein; denn vom Stand¬ 
punkt jener Annahme aus wird man zu der Erwartung neigen, 
dafs auch beim Gegebensein zweier relativ dunklen Objekte eher 
das hellere, und nicht das dunklere, vortreten werde. 
Wenn an Kirchen fenstern u. dgl. gerade die roten Felder 
eine so starke Neigung zum Hervortreten zeigen, so liegt das 
offenbar daran, dafs die rote Farbe, wie sich z. B. aus der Unter¬ 
suchung von Ameseder ergibt, eine so besonders grofse Eindring¬ 
lichkeit besitzt. 
Es fällt jetzt auch nicht schwer, den Ausfall der Versuche 
von Grünberg zu verstehen. Bei Herabsetzung der Beleuchtung 
wird die blaue Farbe unter dem Einflufs der unter dem Namen 
„PuRKiNJEsches Phänomen“ bekannten Gesetzmäfsigkeit heller 
und damit eindringlicher, während die Helligkeit des Rot, und 
damit seine Eindringlichkeit, unter dem Einflufs derselben Gesetz¬ 
mäfsigkeit abnimmt. Grünberg selbst spricht von der „tiefen 
„und ganz eigentümlichen Färbung“, die das Blau bei den geringen 
Lichtstärken zeigt, wobei dann gleichzeitig „die blauen Felder 
„förmlich aus dem Rahmen herauszuspringen scheinen“. 
Im Einklang mit unseren eigenen Ergebnissen steht eine 
Beobachtung, welche R. Heine 1 bei Helligkeitsvergleichungen 
machte : „Häufig erschien die hellste Scheibe näher als die 
„anderen beiden. Es kam aber auch vor, dafs die hellste und 
„die dunkelste Scheibe vorsprangen.“ Auch bei den Versuchen 
von L. v. Karpinska 2 zeigte sich eine deutliche Tendenz, das für 
die Aufmerksamkeit Ausgezeichnete oder von ihr Hervorgehobene 
nach vorn zu lokalisieren. 
1 Zeitschrift f. Psychologie 54, S. 66. 
2 Zeitschrift f. Psychologie 57, S. 35 f.
        

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