Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Über die Wahrnehmung des Raumes. Eine experimentell-psychologische Untersuchung nebst Anwendung auf Ästhetik und Erkenntnistheorie
Person:
Jaensch, E.R.
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39699/350/
336 Erster Abschnitt. Über das Wesen der Tiefenwahrnehmung. 
der Querdisparation nicht anders zu erwarten ist — mitteis der 
Vorrichtung gröfser als bei direkter Betrachtung. Das Beobach¬ 
tungsobjekt erscheint ferner als bei direkter Betrachtung, was 
gleichfalls selbstverständlich ist, da eben die zwischen dem Be¬ 
obachter und dem Beobachtungsobjekt liegenden Teilstrecken 
wegen der Steigerung der Querdisparation, unter der sie sich ab¬ 
bilden, vergröfsert erscheinen. 
Nunmehr wird der Spiegel s in der oben angegebenen Weise 
gedreht, so dafs die Konvergenz der Augenachsen gesteigert wird. 
Schon bei relativ sehr kleinen Drehungen erklärt die Vp., dafs 
der Gegenstand mikropisch, d. h. deutlich kleiner als bei direkter 
Betrachtung erscheine. Nimmt die Drehung des Spiegels, und 
damit die Konvergenz der Augenachsen, noch weiter zu, so 
lassen sich, wenn die mit der Verschmelzung verknüpften Schwierig¬ 
keiten durch Übung überwunden sind, recht erhebliche Grade 
von Mikropsie erzeugen. Dabei erscheinen die durch Aufstellung 
der Gegenstände auf dem Fufsboden markierten Tiefendistanzen 
— und damit auch die Entfernung des Beobachtungsobjektes — 
im Vergleich zu dem Falle der direkten Betrachtung vergröfsert, 
ein Effekt, der eben auf Rechnung der immer noch beträchtlich 
über das normale Mafs gesteigerten Quer disparation zu setzen ist, 
Auch ich selbst habe die Versuche dann immer von neuem 
wiederholt. Dafs die Mikropsie, welche bei dem Versuch auftritt, 
nicht etwa auf die blofse Verwendung des Spiegels zurückzu¬ 
führen ist, davon kann man sich leicht überzeugen, wenn man 
unmittelbar hinter dem Kopfe, dem Beobachtungsobjekt gerade 
gegenüber, einen Spiegel aufstellt und dem Körper, ohne den 
Standort wesentlich zu verändern, eine solche Drehung erteilt, 
dafs das Beobachtungsobjekt im Spiegel gesehen wird. Bei sehr 
aufmerksamer Beobachtung bemerkt man freilich, dafs die Be¬ 
trachtung des Objektes im Spiegel an sich schon eine gering¬ 
fügige Verkleinerung hervorbringt, doch ist der Grad dieser Ver¬ 
kleinerung, die nur bei aufmerksamer Betrachtung merkbar wird, 
von ganz anderer Gröfsenordnung als der Grad derjenigen Ver¬ 
kleinerung, die beim telestereoskopischen Versuch auftritt. 
Die beim letzteren Versuch auftretende Mikropsie kann also nur 
auf die durch die Versuchsbedingungen herbeigeführte Konver¬ 
genzsteigerung zurückgeführt werden; der Umstand, dafs das 
Objekt bei dem Versuch im Spiegel gesehen wird, reicht zur Er¬ 
klärung der Mikropsie nicht aus.
        

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