Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Über die Wahrnehmung des Raumes. Eine experimentell-psychologische Untersuchung nebst Anwendung auf Ästhetik und Erkenntnistheorie
Person:
Jaensch, E.R.
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39699/340/
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* • 
Erster Abschnitt. Uber das Wesen der Tiefenwahrnehmung. 
besonders förderlich sind, die ein frequentes und lebhaftes 
Wandern des Blickes und der Aufmerksamkeit begünstigen. Diese 
Bedeutung gerade des bewegten Blickes tritt auch in einer be¬ 
reits von Hillebrand am Haploskop angestellten Beobachtung 
deutlich zutage. „Blickt man während der Konvergenz¬ 
en de run g in die Spiegel des Apparates, so entsteht der Ein¬ 
druck des Näherrückens (sc. des fixierten Fadens) mit solcher 
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„Energie, dafs man das Intervall, innerhalb dessen die Änderung 
„der scheinbaren Entfernung vor sich geht, stark zu überschätzen 
„geneigt ist; die Fäden scheinen beträchtlich näher zu rücken, 
„befinden sich aber zum Schlüsse in einer scheinbaren Entfer¬ 
nung, die von der ursprünglichen nur wenig ab weicht.“ 
Wäre dieser Versuch der einzige, bei dem die Bewegung des 
Blickes die Deutlichkeit des Tiefeneindrucks fördert, so würde 
vielleicht folgende Erklärung befriedigen : Der Konvergenzzustand 
des Auges folgt dem bewegten Objekt nicht genau, sondern 
bleibt hinter dem durch die Erregung geforderten Konvergenz¬ 
zustand etwas zurück. Infolgedessen bildet sich das Objekt unter 
gekreuzter Disparation ab und erscheint darum näher. 
Wir vermögen diese Interpretation darum nicht für befrie¬ 
digend zu halten, weil sich die Bedeutung der Wanderung des 
Blickes für die Deutlichkeit des Tiefeneindrucks auch in solchen 
Fällen zeigt, in denen der Tiefeneindruck sicher nicht auf Quer¬ 
disparation und überhaupt nicht auf den Raumwerten der Netz¬ 
haut beruht1 ; es genügt der Hinweis auf die Analyse des 
PANUMschen Phänomens, welches ja auf die Wirksamkeit von 
Blickbewegungsimpulsen bzw. Aufmerksamkeitswanderungen zu¬ 
rückgeführt werden konnte. 
Diese Bedeutung der Wanderung des Blickes scheint darauf 
hinzuweisen, dafs nicht so sehr die ruhende, als vielmehr die 
bewegte optische Aufmerksamkeit, bzw. der entsprechende 
Blickbewegungsimpuls, die Tiefenlokalisation bestimmt. Zu 
demselben Ergebnis gelangten wir bei der Behandlung der 
Angleichungserscheinungen, wo wir ja auch den Impuls zur 
AufmerksamkeitsVerlagerung für das Mafsgebende erklären 
mufsten, nicht die dauernde Innervation bzw. die dauernde 
Aufmerksamkeitsrichtung. — 
1 Höchstens indirekt, indem bei Keizung gewisser Netzhautstellen ge- 
wisse Innervationen auftreten.
        

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