Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Über die Wahrnehmung des Raumes. Eine experimentell-psychologische Untersuchung nebst Anwendung auf Ästhetik und Erkenntnistheorie
Person:
Jaensch, E.R.
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39699/337/
Siebentes Kapitel. Anwendung der vorstehenden Untersuchung usw. 323 
„Gleichheiten) der Gestaltqualitäten, welche zwischen jenen Er¬ 
gebnissen trotz ihrer verschiedenen Elemente bestehen, ander¬ 
seits auf der Grundlage der verwandten Gefühle, die diese 
„Erlebnisse begleitet hatten.“ — Wahrnehmungen, welche sich 
bei den impressionistischen Sehweisen einstellen, scheinen 
ganz danach angetan : 1. gerade dun k e 1 - bewufste Assozia¬ 
tionen anklingen zu lassen, 2. gröfsere Komplexe solcher 
Assoziationen, nicht einzelne Assoziationen in Erregung zu 
versetzen. Das unter dem Einflufs einer „impressionistischen 
Sehweise“ unscharf gesehene, in seinen näheren Einzelheiten 
vieldeutig erscheinende und mit nicht-konzentrierter Aufmerksam¬ 
keit erfafste Naturobjekt wird im allgemeinen mehr Assoziationen 
in Erregung versetzen als ein Objekt, welches infolge scharfer 
Beobachtung in allen seinen Teilen deutlich „ gesehen wird. Seh¬ 
dinge der letzteren Art werden infolge ihrer Eindeutigkeit leicht 
klar-bestimmte, Sehdinge der ersteren Art werden infolge ihrer 
Vieldeutigkeit leicht dunkel-bewufste Assoziationen erregen. —* 
Die Gesamtheit der angeführten Tatsachen scheint darauf 
hinzuweisen, dafs das Auftreten der ästhetischen Apperzeption bei 
den „impressionistischen Sehweisen“ erleichtert und befördert, bei 
der sukzessiv beobachtenden Verhaltungsweise dagegen erschwert 
oder verhindert wird. 
Die Verhaltungsweise, welche zur deutlichen Wahrnehmung 
der gefärbten und getönten Atmosphäre führt, ist gleichzeitig 
eine Verhaltungsweise, die das Auftreten der ästhetischen Apper¬ 
zeption der Sehdinge begünstigt, während umgekehrt die suk¬ 
zessiv scharf-beobachtende Verhaltungsweise der älteren Maler, 
bei der das Zwischenmedium „glatt durchblickt“, und bei der 
im Zwischenraum „im eigentlichsten Sinne gar nichts“ gesehen 
wird, das Auftreten der ästhetischen Apperzeption erschwert 
oder verhindert. Die Tatsache, dafs das Phänomen der Atmo¬ 
sphäre und ihre nähere koloristische Beschaffenheit in ganz beson¬ 
ders enger Beziehung zu unserer „Stimmung“ steht, wird jetzt 
verständlich.1 In den Augenblicken, in denen wir uns einer 
1 Natürlich, ist durchaus nicht zu erwarten, dafs der Zusammenhang 
zwischen der Verbaltungsweise, die zur Wahrnehmung der gefärbten At¬ 
mosphäre führt, und der Verhaltungs weise, die die ästhetische Apperzep¬ 
tion begünstigt — und damit der Zusammenhang zwischen Luftmalerei 
einerseits und Stimmungsmalerei anderseits — dem Künstler in Gestalt 
einer klaren psychologischen Einsicht zu Bewufstsein kommen müsse. Eine 
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